Die Vermessung des Geistes

Ein Bericht über das Center for Investigating Healthy Minds
Von Barry Boyce

Wir wissen ziemlich genau, was zu einem gesunden Körper führt: gute Ernährung, Sport, Schlaf, ein gutes Maß bei all diesen Dingen. Aber was führt zu einem gesunden Geist?

Als erfahrener Meditationsübender hatte Richie Davidson starke Vermutungen dazu. Seine direkte Erfahrung wies darauf hin, dass die Beschäftigung mit den Prozessen des eigenen Geistes durch innere Aufmerksamkeit uns dabei hilft, einen ausgeglichenen, wachen und aufmerksamen Geist zu kultivieren und aufrechtzuerhalten. Am Center for Investigating Healthy Minds versuchen er und sein Team herauszufinden, wie weit unser Geist sich entwickeln kann und wie Meditation uns dabei hilft.

Als bekannter Neurowissenschafter möchte Richie Davidson Beweise. Und er möchte ein Bild davon sehen, wie dieser Prozess funktioniert. Und nicht nur das: Er möchte die Grenzen unserer Möglichkeiten austesten, indem er die Menschen untersucht, bei denen intensive Meditationspraxis weitreichende Potenziale des Geistes eröffnet hat. Er möchte auch lernen, wie verschiedene Übungen für unterschiedliche Menschen in einer großen Breite von Lebensumständen wirken. Er möchte viele Gruppen erreichen – Schulkinder, Patienten, Senioren und andere –, um herauszufinden, wie ihnen geholfen werden kann. Und er möchte die Ergebnisse messen. Aber vor allem möchte er lernen.

„Wissenschaft“, sagt mir Davidson im Sitzungsraum des Center for Investigating Healthy Minds (CIHM) an der University of Wisconsin-Madison, „ist kein Prozess, der einfach das bestätigt, was man schon erwartet. Es ist ein Prozess, bei dem man von dem, was man beobachtet, lernt. In einer guten wissenschaftlichen Arbeit lernen wir das meiste von Experimenten, die nicht die Ergebnisse zeigen, die wir erwartet haben. Bei der Untersuchung meditativer Übungen muss unsere Wissenschaft diese Art der Gründlichkeit haben, um von der breiteren wissenschaftlichen Gemeinschaft und der Öffentlichkeit anerkannt zu werden.“

Seine Heiligkeit der Dalai Lama gab Davidson einen Schubs

Für mehr als ein Jahrzehnt hat Davidson Teams geleitet, die genau diese Art von Wissenschaft praktiziert haben, bei der langjährige Grundlagenforschung die Entwicklung von Modellen ermöglicht, die die Funktion eines Systems erklären. Das ist langsam, zeitaufwendig und manchmal gar ermüdend, aber das ist die altbewährte Methode der Praxis guter Wissenschaft. Seine Heiligkeit der Dalai Lama, ein früher und ständiger Mentor von Davidson und ein großer Befürworter seiner Arbeit, war erfreut über diesen Fokus auf die Grundlagenforschung.

Er sagt gar, dass er die Lehrmeinungen, die er erlernt hat, verändern würde, wenn die Forschung zeigen sollte, dass seine Tradition von falschen Annahmen ausgeht. Aber in den letzten Jahren gab ihm Seine Heiligkeit einen Schubs, so sagt Davidson es selbst. Der Dalai Lama schlug vor, dass es vielleicht nicht notwendig war, auf Jahrzehnte von solider Grundlagenforschung zu warten, um zur angewandten Forschung überzugehen (was im Allgemeinen als translationale oder übersetzende Forschung beschrieben wird). Diese Forschung könnte den Menschen helfen, während sie gleichzeitig das wissenschaftliche Wissen vermehrt und anderen den Wert der Meditation aus einer wissenschaftlichen Perspektive vermittelt. Damit war die Idee für das Center for Investigating Healthy Minds geboren, das Davidson dann im Jahre 2008 gründete.

Das Center for Investigating Healthy Minds wird vielen Menschen helfen

Das Center hat die Aufgabe sowohl durch Grundlagenforschung im Labor als auch durch angewandte Forschung in vielen sozialen Kontexten die Effektivität der Meditationsübungen zu untersuchen. Grundlegende Fragen sollen beantwortet werden: Funktioniert Meditation? Wie funktioniert Meditation? Was sind die positiven Wirkungen bestimmter Übungen? Und wie können diese angewendet werden, um Menschen im Alltag zu helfen – beispielsweise in Schulen, in Arztpraxen, Krankenhäusern, Gemeindezentren … ? Wenn eine überzeugende Evidenz für die Effektivität von Meditationsübungen gefunden werden kann, könnten sie in vielen öffentlichen Institutionen als gebräuchliche Methoden angewendet werden. Nachdem ich nur einige der Aktivitäten dieser Initiative gesehen hatte, verstand ich, warum sich der Dalai Lama so viel davon versprach. Sie wird vielen Menschen helfen. Und das hat schon begonnen.

Das Waisman Center der Universität, in dem das CIHM seine Räume hat, ist eines der besten Laboratorien der Welt für die Art von Forschung mit bildgebenden Verfahren des Gehirns, die Davidson leitet. Das Labor beherbergt ein beeindruckendes Instrumentarium von Hightech-Geräten zu Untersuchung des Gehirns, aber dabei hat das Gebäude nicht die kalte, klinikartige Atmosphäre einer Forschungsinstitution. Dazu gehört auch, dass die Wissenschaftler – allen voran der jugendlich schwungvolle Davidson selbst – nicht mit gesenkten Blicken in den Gängen herumlaufen. Sie wirken lebendig und energetisch und man wird mit Interesse begrüßt.

Die meisten von ihnen praktizieren selbst die Übungen, die sie untersuchen. Es ist die einzige Forschungseinrichtung, die einen erstklassigen Meditationsraum hat, mit allen Annehmlichkeiten und einem ökologischen Korkboden. Davidson wollte, dass das Gebäude des Centers die kontemplativen Qualitäten der Übungen, die hier untersucht werden, zum Ausdruck bringt. Und das ist auch der Fall.

Forschung, Öffentlichkeitsarbeit und Ausbildung

Forschung: Grundlagenforschung und translationale Forschung mit dem Ziel einer weiteren Anwendung von Übungen, die positive Qualitäten des Geistes in verschiedenen Teilen der Gesellschaft fördern.

Öffentlichkeitsarbeit: Das Center führt im Kontext der Forschung Projekte in der lokalen Umgebung durch (an denen Lehrer, Eltern und Kinder teilnehmen) und kommuniziert die Arbeit des CIHM global durch Vorträge und die Webseite des Zentrums.

Ausbildung: Das Center bietet Ausbildungen für Postdoktoranden und erfahrene Wissenschaftler auf dem Gelände und für Teilnehmer an Forschungskonferenzen.

Entsprechend der unersättlichen Neugier ihres Gründers ist das CIHM momentan in mehr als einem Dutzend Projekten tätig und ständig eröffnen sich neue Möglichkeiten (beispielsweise die Untersuchung von Videospielen, die gestaltet wurden, um Empathie und Mitgefühl zu unterstützen). Obwohl Davidson sicher der führende Kopf des Centers ist, wird spürbar kollegial und gemeinschaftlich bearbeitet. Mehr als 25 Menschen sind hier beschäftigt, dazu gehören Wissenschaftler, Studenten, Forschungsassistenten, Spezialisten für Öffentlichkeitsarbeit und unterstützende Mitarbeiter.

Meditationsforschung?

Während eines langen Besuchs hörte ich viel über die verschiedenen Forschungsprojekte: die Grundlagenforschung über Meditation, eine Studie mit meditativen Methoden, um Asthmasymptome zu verringern, Programme in lokalen Schulen, eine Studie über den abschweifenden Geist, die Forschung über unsere ökologischen Einstellungen und wie Kriegsveteranen durch Yogapraxis geholfen werden kann. Ich erfuhr auch etwas über die Anstrengungen des Centers, um gute Kontrollgruppen zu finden, damit die Übungen, die erforscht werden, verglichen werden können. „Wie können wir sonst wissen, dass die acht Wochen Meditation irgendwie besser sind, als acht Wochen abschweifender Gedanken?“, fragt Davidson.

Davidson sprach auch über seine Zeit als Student in den 1970er Jahren, als seine Professoren schockiert waren, dass er nach Indien reiste, um Meditation und buddhistische Lehren zu kennenzulernen. Nach drei Monaten in Indien und Sri Lanka kam er mit der Überzeugung zurück, dass der Meditation erforschen würde. Seine Professoren gaben ihm einen anderen Rat: Sie sagten ihm, dass er die Meditation sein lassen und einem konventionelleren Forschungsweg folgen solle, wenn er sich die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Karriere erhalten wolle. Er wurde ein heimlicher Meditierender und ein Neurowissenschaftler der Affekte – er untersuchte die Emotionen. In diesen frühen Tagen war das, was unter dem Begriff „Meditationsforschung“ lief, unausgereift und voller extravaganter Behauptungen magischer Ergebnisse.

Wo ist der Geist und wie misst man ihn?

Diese Forschungen folgten nicht den gebräuchlichen Verfahren und bauten auch nicht auf den Methodologien vorheriger Forschungen in verwandten Gebieten auf. Neben anderen fehlgerichteten Versuchen brachte eine Studie die Verringerung von Verbrechen mit der Aktivität von Übenden der Transzendentalen Meditation in der Nachbarschaft in Verbindung. Solche Behauptungen stellten die Meditationsforschung in ein schlechtes Licht und trugen dazu bei, dass sie im Verborgenen blieb. Hinzu kam noch, erklärt Davidson, „dass die Wissenschaft und die Methoden dieser Zeit nicht die Möglichkeiten hatten, subtile innere Erfahrungen zu untersuchen.“

Sie hatten keine Technologie, wie das MRT (funktionale Magnetresonanztomografie), das ein bewegtes Bild der Hirnaktivität darstellt. Sie hatten keine Wertschätzung der Epigenetik, der Prozess durch den der Aufbau unserer Gene während der Lebenszeit verändert wird. Aber vor allem erklärt Davidson, dass „wir noch kein Verständnis der Neuroplastizität hatten. Heute ist es weithin akzeptiert, dass das Gehirn sich als Reaktion auf Erfahrung und, was für unsere Arbeit am Wichtigsten ist, als Reaktion auf Training verändert.“

Viele Meditierende finden es materialistisch, wenn man „vom Gehirn“ redet, so als wäre es ein elektrisch geladener Klumpen Fleisch. Wissenschaftler haben ähnliche Schwierigkeiten über etwas so ungreifbares wie den Geist zu sprechen. Wo ist er? Wie misst man ihn? Davidson hat keine Probleme über beides zu sprechen und sagt, dass das heute bei mehr und mehr Forschern der Fall sei. Der Geist kann vielleicht nicht so einfach definiert und beschrieben werden wie das Gehirn, aber das Center benutzt den Begriff „gesunder Geist“ (engl. healthy mind). Denn es ist der Geist und verschiedene Formen des Geistes die in positiver Weise geübt werden können.

Wir können die Pfade im Gehirn verändern

Die Wirkungen dieses Trainings hinterlassen ihre Spuren im Gehirn und können beobachtet und gemessen werden. Diese demonstrierbaren Resultate sind das Entscheidende. Sie vermehren nicht nur das Verständnis der westlichen Wissenschaft über die Natur und Fähigkeiten des Gehirns. Sie geben zudem überzeugende Evidenz für US-Regierungsinstitutionen wie dem Bildungsministerium, dem National Institutes of Health, dem Verteidigungsministerium und sogar dem Energieministerium, dass Geist-Körper-Training positive Ergebnisse bei der Erfüllung ihrer Aufgaben haben könnte.

Das Geheimnis von Gehirn und Geist wird wahrscheinlich weiterhin ein Koan und eine metaphysische Kontemplation des Buddhismus bleiben. Wenn aber Menschen positive Zustände und Merkmale entwickeln, ist es dann wirklich so wichtig, dass wir den Geist auf unserer Navigator-App finden können? In seinem neuen Buch The Emotional Life of Your Brain, das im März erschienen ist und das Davidson zusammen mit Sharon Begley geschrieben hat, erklärt er, wie wir unserem Geist benutzen können, um unser Gehirn zu trainieren. Sehr vereinfacht gesagt: die Pfade, die im Gehirn eingefurcht sind, bringen uns schnell dorthin, wo wir hinwollen, aber sie können uns auch schnell an unfreundlichere Orte bringen, zu Zuständen wie Wut, Eifersucht und Depression. Durch Training können wir die Kraft unseres Geistes nutzen, um die Pfade im Gehirn zu verändern.

Wenn wir diesen neuen Pfaden folgen, hat das eine positive Wirkung auf unseren Geist. Zu diesen Effekten gehören stärkere Ausgeglichenheit und eine Kombination von Aufmerksamkeit und Entspannung. Der Geist und das Gehirn bilden einen positiven Kreislauf und unterstützen sich gegenseitig.

Im Labor für bildgebende Verfahren

Das Labor für bildgebende Verfahren des Gehirns und Verhaltensforschung erinnert mit seinen Laborbänken, Kabinen, Kabeln, Bildschirmen und Anzeigetafeln an Frankenstein. Um die Liste der hochmodernen Messgeräte zu erklären, müsste man eine eigene wissenschaftliche Arbeit schreiben: ein 3T (Tesla) MRT-Gerät; visuelle, akustische und gustatorische Stimulationsgeräte mit Online-Augenüberwachung während der MRT-Scans; ein PET-Scanner (Positronenemissionstomografie); einen kleinen PET-Scanner; einen Raum mit der Attrappe eines Scanners für Simulationen; einen Tandembeschleuniger zur Unterstützung der PET-Scanner; ein EEG-Gerät mit 256 Kanälen für alleinige und kombinierte elektrische und hämodynamische Bilduntersuchungen, und Geräte, die für die computergestützte Verarbeitung der Daten zuständig sind.

Diese Maschinen wurden von vielen Adepten der Meditation gesegnet, sagt mir Dr. Antoine Lutz, darunter am Bekanntesten auch der Dalai Lama. Sowohl bei Matthieu Ricard als auch bei Mingyur Rinpoche wurde hier die Hirnfunktion untersucht. Lutz begann seine Studien in Paris, wo er mit Francisco Varela zusammenarbeitete, einem der Pioniere der Erforschung des Bewusstseins mittels Untersuchungsmethoden der ersten und dritten Person. Seine Forschungen beschäftigen sich schon lange mit den Experten. Er erklärt, dass in der Psychologie ein „Experte“ jemand ist, der mindestens zehntausend Stunden damit verbracht hat, eine bestimmte Fertigkeit zu erlernen (Violine spielen, einen Baseball schlagen, stricken). Im Falle der Meditierenden haben viele der Menschen, die er untersucht, das traditionelle Drei-Jahres-Retreat des tibetischen Buddhismus absolviert.

Wie reagiert das Gehirn?

Als Erstes sehen wir uns das MRT-Gerät an. Der Teilnehmer an einer Untersuchung legt sich hin und wird in das Rohr des MRT geschoben. Die Forscher auf der anderen Seite des Fensters zeigen den Testpersonen vielleicht Bilder, die im Innern einer Brille erscheinen. Wie reagiert ihr Gehirn auf ein gewalttätiges Bild, ein angenehmes Bild, ein neutrales Bild? Welches Gehirnmuster entsteht, wenn man sie bittet, einen Daumen zu heben? Oder wenn sie darüber nachdenken, einen Daumen zu heben? Sie bitten die Testpersonen möglicherweise, eine Mitgefühlsübung zu praktizieren.

Der Betrieb und die Wartung eines MRT sind kostspielig, deshalb werden die Meditierenden dort nicht einfach so durchgeschleust. Die Zeit in der Maschine muss geplant und vorbereitet werden. Wenn jemand in das Gerät geschoben wird, wissen die Forscher genau, was die Testperson tun soll. Nach der Sammlung der Daten verbringen sie Monate damit, sie zu verdichten, wobei sie ausgefeilte Computeralgorithmen nutzen, um das Gesehene zu interpretieren.

„Es gibt zwei Arten von Bildern“, erklärt Lutz. „Strukturelle Bilder geben uns eine Momentaufnahme der Anatomie des Gehirns. Funktionelle Bilder zeigen die dynamische Aktivität im Gehirn im Laufe der Zeit. Wir können beispielsweise untersuchen, wie die Hirnregionen, die mit Aufmerksamkeit und Empathie assoziiert sind, sich bei einem erfahrenen Meditierenden und einem Anfänger in der Meditation unterscheiden, wenn sie ihre Aufmerksamkeit fokussieren oder während der Meditation Mitgefühl kultivieren.“

Eine moderne Meditationshöhle

Den EEG-Raum auf der anderen Seite des Ganges beschreibt Lutz als eine moderne Meditationshöhle und in der Tat ist es darin dunkel, schwarz und still. Wenn das EEG-Netz mit dem Kopf einer Testperson verbunden ist, misst es die elektrophysiologische Aktivität im Gehirn. Lutz und sein Team nutzten vor Kurzem das EEG, um Meditierende vor und nach einem dreimonatigen Retreat im Insight Meditation Center in Barre, Massachusetts, zu untersuchen. Und zurück in Wisconsin untersuchten sie die gleiche Hirnaktivität bei Anfängern der Meditation.

„Wir haben herausgefunden, dass lange Perioden der Meditation positive Effekte auf verschiedene Indikatoren für Aufmerksamkeit haben – oberhalb der Steigerung, die aus einer Gewöhnung an eine bestimmte Fertigkeit kommen könnte.“ Mit anderen Worten gab es demonstrierbare langfristige Wirkungen bei der Fähigkeit der Praktizierenden, sich auf das zu fokussieren, was sie im Moment taten.

Lutz gibt einen Überblick über das Spektrum der Forschungen des Centers. „Eine Art der Forschung versucht die Mechanismen im Gehirn zu verstehen, die den meditativen Zuständen zugrunde liegen. Dabei werden auch die langfristigen Wirkungen der Meditationsübung auf das Gehirn und das Verhalten untersucht. Diese Forschungen sind teil des neu entstehenden Forschungsgebietes der kontemplativen Neurowissenschaft. Die zweite Art von Forschung nutzt die Meditationspraxis als ein Mittel, womit die Neurowissenschaft neue Fragen in Bezug auf den Geist und seine Funktion untersuchen kann. Zum Beispiel: Wie sehr kann man Mitgefühl trainieren? Kann man abschweifendem Denken durch Training entgegenwirken? Und schließlich untersuchen wir klinische Interventionen wie die achtsamkeitsbasierte Stressreduktion oder yogisches Atmen bei Menschen, für die solche Übungen neu sind. Wir wollen herausfinden, ob diese Übungen in Umgebungen wie Schulen und Krankenhäusern angewendet werden können, um das Wohlbefinden zu verbessern und positive menschliche Qualitäten zu kultivieren.“

„Ein abgelenkter Geist ist kein freier Geist“

Daniel Levinson ist ein weiterer Wissenschaftler, dessen Schwerpunkt auf der Grundlagenforschung liegt. Er ist Doktorand und seine Arbeit beschäftigt sich mit abschweifendem Denken (engl. mind wandering). Studien, bei denen Menschen im Laufe ihres Tages mit der Frage unterbrochen wurden, was sie denken, haben laut Levinson gezeigt, dass abschweifende Gedanken ungefähr die Hälfte unserer Zeit im Wachtzustand begleiten. Hat diese Ablenkung einen Preis? Manche Forscher sind der Ansicht, dass dieses Abschweifen keine mentale Energie kostet, weil es ohne Anstrengung zu geschehen scheint.

Levinsons Forschung fordert diese Annahme heraus. Sie zeigt, dass Testpersonen ein gewisses Maß wertvoller mentaler Energie nutzen, wenn man ihnen die Gelegenheit zu abschweifendem Denken gibt. Sie waren aber auch in der Lage, die abschweifenden Gedanken zu reduzieren, wenn ihre Aufmerksamkeit auf die unmittelbar wahrnehmbare Erfahrung gerichtet wurde. „Ein abgelenkter Geist ist kein freier Geist“, sagt Levinson, „wenn man die Pläne für Morgen durchgeht und sich Ziele für die Zukunft überlegt, wobei man doch die Aufmerksamkeit für die direkte Erfahrung braucht – ein Spiel mit einem Kind, ein Lauf im Park.“

Levinson ist der Ansicht, dass ein gesunder Geist seine Nutzung mentaler Ressourcen ausgleichen kann. „Abschweifende Gedanken können uns die Möglichkeit geben, uns die Zukunft vorzustellen, was vielleicht zu Klarheit und Perspektive führt“, erklärt er, „aber eine gesunde Pause von zu viel Denken kann unseren Geist befreien, um das Leben zu genießen, das gerade anwesend ist. Wir neigen vielleicht auch dazu, unseren Geist abschweifen zu lassen, wenn unsere mentale Energie erschöpft ist, aber das Ruhen des abschweifenden Geistes durch eine meditative Übung könnte unsere mentalen Ressourcen effektiver wiederherstellen.“

Praktische Achtsamkeit in pädagogischen Settings

Die translationale Forschung ist der Bereich, wo sich diese Grundlagenforschung in der Welt bewähren muss: Hier sehen die Forscher, ob relativ wenig Zeit meditativer Übung bei vielen Menschen eine potenziell signifikante Veränderung hervorbringen kann. Die Wissenschaftlerin Lisa Flook vom CIHM untersucht die Prävention und Strategien früher Intervention, um das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen zu verbessern. Dazu erforscht sie die Wirkung der Einführung von Achtsamkeitsübungen in pädagogischen Settings. „Achtsamkeit könnte viele Vorteile für die mentale und körperliche Gesundheit der Kinder bringen“, sagt Flook. „Sie könnte Kindern und Jugendlichen helfen, ihr tägliches Wohlbefinden zu verbessern und Stress zu verringern. Und am besten testet man das in Schulen.“

Flock arbeitet mit Laura Pinger zusammen, die als Expertin für Öffentlichkeitsarbeit beim CIHM tätig ist. Sie lehrt zudem am UW Hospital Integrative Center for Mindfulness, eine Verbindung zwischen dem CIHM und lokalen Schulen mit dem Ziel, Programme und Lehrpläne zu entwickeln und zu implementieren, die auf Achtsamkeitsmeditation basieren. Diese Programme werden dann wiederum in Forschungsprojekten des CIHM integriert.

Zwei der Projekte, bei denen Flook und Pinger zusammenarbeiten, sind ein Projekt mit Kindern im Vorkindergartenalter zur Entwicklung von Empathie und ein Programm zur Förderung des Wohlbefindens von Lehrern.

Die Kinder…

Vier- und Fünfjährige aus zwei Gruppen an einer Vorschule der Universität beteiligen sich seit dem Herbst 2010 an dem Empathie-Projekt. Das Center hat ein Curriculum entwickelt, das aus etwas zehn Stunden der Anleitung im Laufe von acht Wochen besteht. Diese wöchentlichen Übungseinheiten dauern zwischen zwanzig und dreißig Minuten und beinhalten Atem- und Bewegungsübungen zur Entwicklung von Aufmerksamkeit, das Vorlesen von Texten, die mit Empathie und Fürsorge zu tun haben, und Aktivitäten, die den Kindern eine Gelegenheit geben, gegenüber anderen empathisch zu sein.
Schüler in einer Gruppe wurden in dem Empathie-Curriculum unterrichtet, während die andere Gruppe als Kontrollgruppe diente. (Sie durchliefen nach dem Test das gleiche Programm.)

Flook sagt, dass in beiden Gruppen ungefähr dreißig Schüler vor und nach dem Curriculum getestet wurden. „Wir untersuchten die Wirkungen des Curriculums auf die Aufmerksamkeit der Schüler, die Regulierung der Emotionen, ihre Beziehungen mit den Klassenkameraden und prosoziales Verhalten“, erklärt sie. „Die Kinder machten Computertests, die ihre Fähigkeit für Aufmerksamkeit testeten. Die Lehrer berichteten über das Verhalten der Schüler im Unterricht. Unsere Forschung zeigte, dass es Verbesserungen in der Aufmerksamkeit und eine Steigerung des prosozialen Verhaltens bei den Schülern gab, die das Curriculum durchlaufen hatten.“

Pinger fügt hinzu, dass „die ersten Ergebnisse dieses Pilotprojektes darauf hinweisen, dass dieses Curriculum Selbstregulierung bei Kindern in dieser Altersgruppe fördern kann und ihre soziale und intellektuelle Kompetenz verbessert. Die Schüler, Lehrer und Eltern, die daran teilnahmen, waren sehr froh über die Ergebnisse.“

…und die Lehrer

Das Ziel des Programmes zu Verbesserung des Wohlbefindens von Lehrern war die Steigerung von Aufmerksamkeit und Gewahrsein bei gleichzeitiger Verringerung von Stress. Das Center arbeitete mit der städtischen Schulbehörde in Madison zusammen, um die Wirkungen von Achtsamkeitstraining bei Grundschullehrern und -lehrerinnen zu testen und auszuwerten. Pinger, die selbst seit langen Jahren als Lehrerin arbeitet, ist begeistert über diese Forschung, besonders weil Burn-out bei Lehrern vor allem in schwierigen Stadtteilen, ein landesweites Problem ist. Ungefähr zwanzig Lehrer und Lehrerinnen, die Kinder vom Kindergartenalter bis zur 5. Klasse unterrichten, nahmen im Schuljahr 2010/2011 an der Studie teil. Dazu gehörten fast 24 Stunden Training innerhalb eines angepassten achtwöchigen MBSR-Programms, das aus einer zweistündigen Seminareinheit in der Woche, täglichen Hausaufgaben und einem ganzen Tag Achtsamkeitspraxis bestand. Zum Training gehörten auch die Achtsamkeit für den Atem, die Körperempfindungen, Emotionen und Gedanken; achtsame Bewegungsübungen und Übungen der Empathie.

Die Forscherinnen verglichen Erhebungen vor und nach dem Trainingsprogramm in verschiedenen Messwerten, darunter die Leistung bei kognitiven Aufgaben, physiologische Stressmarker (durch eine Speichelprobe), Beobachtung des Verhaltens der Lehrer im Klassenraum durch Forschungsmitarbeiter und die Selbstberichte der Lehrer und Lehrerinnen. Die Lehrer und Lehrerinnen berichteten eine Steigerung der Achtsamkeit und des Wohlbefindens und eine Verringerung von Stress und sie zeigten ein effektiveres Lernverhalten.

Flook sagt, dass die Untersuchungen, die sie zusammen mit Pinger bei Lehrern vorgenommen hat, darauf hinweisen, dass „Achtsamkeitstraining das Wohlbefinden der Lehrer steigern kann. Es kann auch einen Puffer gegen den Stress bilden, der aus den Forderungen und Aufgaben im Klassenraum entsteht.“

Die Macht des Gehirns über die Gesundheit des Körpers

Melissa Rosenkranz hat es sich zum Ziel gesetzt, die Kreisläufe im Gehirn zu verstehen, durch die psychologischer Stress und negative Emotionen das Immunsystem negativ beeinflussen. Und im Gegenzug untersucht sie, wie „positive psychologische Ereignisse und mentale Entfaltung das Immunsystem in heilsamer Weise beeinflussen“. Ihr Interesse an der Geist-Körper-Medizin wurde zum ersten Mal geweckt, als sie in der Schule eine Fernsehsendung über Psychoneuroimmunologie sah – das Forschungsgebiet, in dem sie heute arbeitet. In dieser Sendung wurde Menschen mit Lupus (eine systemische Autoimmunerkrankung) ein Medikament verabreicht, gleichzeitig wurden sie mit einem neuen Geruch bekannt gemacht. Danach reagierte ihr Immunsystem auf den Geruch, auch ohne das Medikament.

So konnte gezeigt werden, dass das Immunsystem auf klassische Konditionierung reagiert – so wie die Pawlowschen Hunde, die Speichelfluss hatten, wenn sie die Glocke hörten, auch wenn es gar kein Futter gab. „Ich hatte vorher gelernt“, sagt Rosenkranz, „dass das Immunsystem eine getrennte Entität zu sein scheint, die von den Gefahren, denen es ausgesetzt ist, angetrieben wird, und nicht von einem Ereignis im Gehirn.“
Rosenkranz war beeindruckt davon, „welche Macht des Gehirn über die Gesundheit des Körpers hat. Auch die Idee einer psychosomatischen Erkrankung interessierte mich – dass man Symptome erfahren konnte, für die allein das Gehirn verantwortlich ist.“

Die erste Studie, an der sie zusammen mit Davidson arbeitete, war eine heute bekannte Studie in Zusammenarbeit mit Jon Kabat-Zinn. Diese Studie zeigte, dass bei Mitarbeitern in einer Biotech-Firma in Madison nach drei Monaten der Meditationsübung eine vermehrte Aktivierung im „linken präfrontalen Cortex“ feststellbar war – ein Umstand, der mit gesteigerter Freude und Energie assoziiert wird. Diese Testpersonen zeigten auch eine Zunahme in der Funktion des Immunsystems.

Meditative Übungen als Intervention für verschiedene Krankheiten nutzen

Rosenkranz hat kürzlich eine Forschungsfinanzierung erhalten, um die Effektivität von Achtsamkeitstraining als Intervention bei Asthma zu untersuchen. Dabei werden die Testpersonen durch einen in solchen Tests oft verwendeten psychologischen Stressauslöser in Stress versetzt. So können die Forscher die Muster der Hirnaktivität sehen, die sich zeigen, wenn Asthmapatienten Stress erfahren. Untersuchungen, die vor und nach dem MBSR-Training vorgenommen werden, messen Veränderungen in Zellen der Lunge und andere Marker, die mit der Erfahrung von Asthmasymptomen einhergehen. Dadurch kann herausgefunden werden, wie sich die Beziehung der Testpersonen zum psychologischen Stressauslöser verändert und wie diese Veränderungen auf die Physiologie von Asthma wirken.

Mit den daraus gewonnenen Daten wird es möglich sein, die Veränderungen der Gehirnaktivität mit den Veränderungen der Entzündungsreaktion im Körper zu verbinden.
„Durch solche Untersuchungen können wir beginnen, die Mechanismen zu identifizieren, durch die MBSR-Praxis auf physiologische Prozesse wirkt, die mit Krankheiten einhergehen“, sagt Rosenkranz.

Wenn man ein Phänomen bei Menschen untersucht, die eine bestimmte Krankheit haben, dann ist es auch hilfreich, die Menschen zu untersuchen, die sie nicht haben. In dieser Weise können die Forscher herausfinden, dass das, was sie beobachten, nicht nur in der Physiologie der Kranken geschieht. In einer Studie über die Stressreaktion mit gesunden Testpersonen wurde Capsaicin, das in Chilischoten enthalten ist, auf die Haut der Testpersonen aufgetragen. Dieser Stoff führt zur Freisetzung von Entzündungsmolekülen an den Nervenenden in der Haut, was zu einer „Errötung“ führt. Das Team um Rosenkranz setzte diese Gruppe dann einem ähnlichen Stressauslöser wie in der vorher beschriebenen Studie aus, und maß danach die Intensität der Rötungsreaktion.

Das taten sie vor und nach dem MBSR-Training, um zu sehen, ob MBSR die Wirkung dieses Stressauslösers auf die Entzündungsreaktion in der Haut abpuffert. Natürlicherweise bewegt sich die medizinische Forschung langsam und vorsichtig voran. Wenn die Ergebnisse dieser Forschungen in den nächsten Jahren bekannt werden, wird das vielleicht zu bahnbrechenden neuen Interventionen führen, die meditative Übungen für verschiedene Krankheiten nutzen, bei denen Stress ein Schlüsselfaktor ist.

Yoga und Atemübungen für Kriegsveteranen

Emma Seppala hat sich ausgiebig mit Kriegsveteranen befasst, bevor sie zum CIHM kam. Als sie von den Selbstmorden und anderen Nachwirkungen des Traumas hörte, das die Veteranen der Kriege in Irak oder Afghanistan erfahren hatten, wurde sie motiviert, ihnen zu helfen. Nach dem Beginn ihrer Arbeit am CIHM erhielt sie einen Zuschuss von Disabled Veterans of America, um Hilfsprogramme zu entwickeln. Seppala begann mit den Veteranen Yoga und Atemübungen zu praktizieren und stellte fest, dass sie ihnen halfen. Davidson bestärkte sie darin, eine Pilotstudie durchzuführen. Als Ergebnis dessen bietet das Center kostenfreie Programme für Veteranen in der Umgebung an und entwickelt einen Forschungsplan, um die Wirkungen dieser Programme auf Menschen, die aus Kriegsgebieten zurückkehren, auszuwerten.

„Eine der Schwierigkeiten für Forscher besteht darin, dass sie die Bevölkerungsgruppe, die sie untersuchen, kaum kennen“, erklärt sie. „Dadurch wird es auch schwierig Testpersonen zu finden, weil man meist im Labor beschäftigt ist und wenig Zeit sozusagen unter normalen Menschen verbringt.“

Für die Pilotstudie fand Seppala eine Gruppe von zehn Veteranen und eine ebenso große Kontrollgruppe. Sie versuchte einige Meditationsübungen mit ihnen, musste aber bald deren Grenzen feststellen: „Wenn man Kriegsveteranen mit posttraumatischem Stress bittet, sich hinzusetzen und zu meditieren, dann wird es bald schwierig für sie, einfach dazusitzen und nichts zu tun. Sie sind zu unruhig, zu sprunghaft und haben zu viele wiederkehrende Erinnerungen und deshalb ist es unangenehm für sie. Es ist viel leichter für sie, etwas Aktives zu tun, bei dem sie sich entspannen können, was es ihnen nach und nach leichter macht, mit wiederkehrenden Erinnerungen umzugehen. Bei posttraumatischem Stress macht der Geist eine Aussage – wie zum Beispiel, ‚dieses Café ist sicher’ – aber der Körper sagt etwas anderes, wie: ‚Ich flippe gleich aus. Wenn ich das Klirren einer Kaffeetasse höre, dann renne ich vielleicht einfach weg.’“

Übungen für bestimmte Menschen in bestimmten Umständen

Aber als Seppala mit dem Atem arbeitete, konnten sich die Veteranen in ihrem Körper entspannen. Die wichtigste „Intervention“, die sie dabei nutze, war Sudarshan Kriya, eine Übung des yogischen Atmens, die traditionell zur inneren Reinigung verwendet wird. „Es ist ein rhythmisches Atmen“, sagt sie, „das den Übenden in einen tiefen Entspannungszustand versetzt.“

Typischerweise erfahren die Kriegsveteranen mit posttraumatischem Stress wiederkehrende Erinnerungen und deshalb ist auch Schlaflosigkeit ein großes Problem. Meist werden sie mit Medikamenten oder Konfrontationstherapie (wobei man, vereinfacht gesagt, den Traumatisierten in einer sicheren Umgebung mit dem Auslöser der Angst konfrontiert) behandelt, aber diese Behandlungen sind oft nicht besonders erfolgreich. Die Medikamente haben Nebenwirkungen und die Konfrontationstherapie ist für viele Veteranen sehr herausfordernd.

Schlaflosigkeit verschlimmert das Trauma noch. Davidson und Seppala wollen nun die Effektivität von Methoden untersuchen, die ohne Medikamente auskommen. Die gute Wirkung des yogischen Atmens bei den Kriegsveteranen bestärkt sie darin, dass ihr Argument richtig ist, wonach es keine Meditationsübung gibt, die für alle passend ist. Einige Übungen sind für bestimmte Menschen in bestimmten Umständen nicht angemessen, wohingegen sie für andere genau richtig sind.

Die „Umformung der Erinnerung“

Seppala hat die Hypothese, dass es ein Phänomen gibt, das als „Umformung der Erinnerung“ bezeichnet werden kann. Traumaopfer haben eine sehr starke emotionale Beziehung zu den Erinnerungen, die in ihrem Geist auftauchen, aber wenn die Erinnerungen „umgeformt“ werden können, verändert sich die Beziehung zu ihnen. „Ich denke, dass das Atmen die Menschen in so einen tiefen Entspannungszustand führt, dass sie eine neue Beziehung zur Erinnerung aufbauen, wenn sie wieder an das Trauma denken“, sagt sie.

Ein Kriegsveteran hatte den Befehl bekommen, Verhöre mit extremen Methoden durchzuführen, also im Grunde Folter. Seitdem er von seinem Einsatz zurück war, hatte er kaum geschlafen. Nach einigen Tagen des Sudarshan Yoga Programms berichtete er, dass er auf der Couch beim Fernsehen eingeschlafen sei – für viele eine normale Erfahrung, für ihn ein Durchbruch. „Ich kann mich an alles erinnern, was damals geschehen ist, aber ich weiß, dass ich das nicht mehr bin“, sagte er Seppala. „Es ist Vergangenheit und ich habe nicht mehr die gleiche emotionale Verbindung damit.“

Verändert sich unser Konsumverhalten durch Meditation?

Welche Herausforderung könnte heute für den menschlichen Geist größer sein, als das Überleben unseres Planeten? Das CIHM gestaltet gerade eine Studie, die untersuchen will, wie Meditationsübungen die Entscheidungsfindung der Menschen in Bezug auf die Nutzung unserer Ressourcen verändern könnte. Das würde aber auch bedeuten, dass sich unsere kollektive Wirkung auf die Umwelt verändert. Donal MacCoon, der Wissenschaftler, der an diesem Projekt arbeitet, erzählte mir vom Happy Planet Index, einem Messindex für die Nachhaltigkeit, der von der New Economics Foundation entwickelt wurde, und als Bruchzahl angegeben wird.

Er erklärte mir diesen Index auf einer Tafel, wobei der Dividend der Wert des Wohlbefindens in einer Gesellschaft ist, der von messbaren Faktoren wie Lebenserwartung und Häufigkeit von Krankheiten und nicht messbaren Faktoren wie Zufriedenheit bestimmt wird. Der Divisor wird dadurch bestimmt, wie viel der natürlichen Ressourcen eine Gesellschaft auf ihrer Ebene des Wohlbefindens oder Glücks verbraucht. Es ist schwierig, diese Werte genau zu ermitteln, aber eines wissen wir sicher: Als Nordamerikaner haben wir beim objektiven Wert ein hohes Wohlbefinden, aber das geht mit einem enormen Verbrauch von Ressourcen einher.

MacCoon möchte wissen, ob Meditationsübungen dabei helfen könnten, höhere Ebenen des Wohlbefindens – messbar und nicht messbar – zu erreichen, mit weniger Kosten für unseren Planeten. Eine Möglichkeit, wie man das prüfen könnte, wäre die Untersuchung der Kaufgewohnheiten der Menschen, wobei man darauf achten könnte, ob sie sich durch die Meditationspraxis verändert haben. Denn die Konsumgewohnheiten der Einzelnen summieren sich zu den Konsumgewohnheiten einer Gesellschaft. „Wie können wir die Situation unseres Planeten verbessern, wenn wir nicht Wege finden, gesünder und glücklicher zu sein und gleichzeitig weniger Ressourcen zu verbrauchen?“, fragt MacCoon.

Technologische Fortschritte werden wahrscheinlich nicht ausreichen, um unser Überleben zu sichern. Einer der Gründe für den übermäßigen Konsum ist die mangelnde emotionale Ausgeglichenheit. Wir streben nach Glück durch Konsum und das ist auch der Grund, warum unser Lebensstil so schwer zu verändern ist. Es konnte gezeigt werden, dass Meditationsübungen die emotionale Reaktivität verringern und uns die Wirkung, die wir auf die Welt haben, bewusster wahrnehmen lässt. Vielleicht kann uns Meditation auch dabei helfen, unser nachhaltiges Wohlbefinden zu verbessern.

Anmerkung:
Informationen zu sieben weiteren Studien der Meditationsforschung wurden in tabellarischer Form mit dem Artikel veröffentlicht. Die Tabelle ist unserem Artikel als PDF-Datei angehängt und kann heruntergeladen werden.

Dieser Artikel stammt von Barry Boyce und wurde erstmals in der März-Ausgabe (2012) der Shambhala Sun unter dem Titel „Taking the Measure of Mind“ veröffentlicht.

Wir danken der Shambhala Sun für die Abdruckgenehmigung dieses Artikels.
Übersetzung: Mike Kauschke

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