Endlich mal ausatmen
Saki Santorelli im Gespräch mit Mark Matousek
Saki Santorelli über die Herausforderungen unserer Zeit und wie wir die Konrtolle über das Leben zurückgewinnen können…
© Arbor Verlag 2000
Ist Stress heute ein größeres Problem als es in der Vergangenheit war oder kommt es einem nur so vor, weil mehr darüber geredet wird?
Ja und nein. Einerseits begegnen wir im klinischen Bereich den selben Arten von Stress und Erschöpfung wie vor 15 Jahren. Andererseits müsste ich sagen, dass der Stress im Leben der Menschen wesentlich intensiver geworden ist. Es gibt eine enorme Ängstlichkeit, Depressivität und ein Gefühl von Hilflosigkeit. Viele wissen einfach nicht, wie sie alles bewältigen sollen. Durch die Beschleunigung von Lebensprozessen jonglieren viele mit zehn Bällen, die gleichzeitig durch die Luft fliegen, und wissen nicht, wie sie diese wieder alle einfangen können, um sich selbst eine Verschnaufpause zu gönnen.
Fast einstimmig beteuern die Leute, dass sie nicht genug Zeit hätten. Manchmal trifft diese Selbsteinschätzung durchaus zu, doch oft scheint sie das Ergebnis einer Art geistiger Bedrängnis zu sein, die uns davon abhält, auf den Boden zu kommen und still zu werden.
Die Arbeit ist zu einem weiteren Grund für Stress geworden. Nach einer langen Periode der Rationalisierung und Fusionierung, die zum Verlust vieler Arbeitsplätze und zum Niedergang ganzer Firmen beitrug, strömen heute viele Arbeitsbranchen ein Gefühl von Furcht und Ungewissheit über ihre eigene Zukunft aus. Die Leute beschreiben einen Mangel an Zufriedenheit und Erfüllung, selbst wenn sie genügend Geld verdienen. Da wir in dieser Kultur eine so maßlos überzogene Betonung auf die Arbeit legen, zahlen wir dafür einen hohen Preis.
Und dennoch sind ironischerwise in den letzten Jahren eine ganze Reihe Bücher und Zeitungsartikel erschienen, die darüber berichten, dass die Menschen in der Arbeit einen Halt suchen, um damit dem Stress ihres Lebens zu Hause zu entkommen, der auch beträchtliche Ausmaße angenommen hat. Denn bei der Arbeit weiß man wenigstens was man tun muss, um gut dazustehen und Lob zu bekommen. Daheim wird ein anderes Spiel gespielt. Mir kommt das Leben in den eigenen vier Wänden manchmal wie ein Ozean vor. Ich öffne die Haustür und schon bricht alles über mir zusammen und ich gehe in einem Meer von unerwarteten Situationen und Anforderungen unter, die emotional weitaus komplexer sind als bei der Arbeit.
Die Menschen kämpfen also in einer zeitlich eng begrenzten Welt darum, die Bedürfnisse ihrer Kinder und Partner und die Angst vor dem Verlust ihrer Arbeit bei aller Notwendigkeit Geld zu verdienen unter einen Hut zu bringen. Diese Anspannung führt zu dem Gefühl, für sich selbst keine Zeit mehr zu haben, nicht einmal eine halbe Stunde am Tag um sich um sich selbst zu kümmern, die Türe schließen und sich beruhigen zu können. Es sieht so aus, als müssten wir lernen, eine neue Einstellung zu uns selbst zu finden und aus dem Karussell auszusteigen.
Wie könnte uns das gelingen?
Eine der wichtigsten Dinge, die wir lernen könnten, wäre innerlich ruhig zu werden. Ruhe ist eine in dieser Kultur weitgehend nicht erschlossene Ressource. Sie könnte so erneuernd und erfrischend sein. Sie erlaubt es uns, uns an eine Lebendigkeit anzuschließen, die von der aktiven Welt unabhängig ist. Pascal hat einmal gesagt, dass die meisten unserer Sorgen auf den Umstand zurückzuführen sind, dass es Menschen nicht möglich ist, für einen längeren Zeitraum mit sich selbst alleine zu sein. Die Menschen berichten häufig, dass sie nicht zur Ruhe kommen und dass sie es nur aushalten, wenn sie sich ständig beschäftigen. Es spricht natürlich nichts dagegen beschäftigt zu sein, aber es führt zu Problemen, wenn die Aktivitäten zu einem erbarmungslosen Konkurrenzkampf oder einem Ausweichmanöver werden, z.B. wenn wir eigentlich gar nicht aktiv sein möchten, aber einfach nicht wissen wie man das macht. Obwohl aufzuhören zunächst einmal unangenehm sein kann, wirkt es doch häufig geradezu wie eine Offenbarung. Manche fangen dann tatsächlich an kleine Erleuchtungserlebnisse zu bekommen/haben, und sagen, dass sie doch gelernt haben, sich in ihrer eigenen Gesellschaft wesentlich besser zu fühlen als sie je gedacht hätten.
Zusätzlich zur Ruhe kann die Stille zu einer weiteren Ressource für unser Leben werden. In der Klinik sprechen die Kursteilnehmer oft davon, eine neue Liebe zur Stille entdeckt zu haben. Sie sagen, dass die Stille selbst etwas Erneuerndes an sich hat. In einer Welt, die vollgepackt mit Geräuschen ist, kann absolute Stille eine willkommene Erleichterung darstellen, die sich als äußerst erholsam und verjüngend erweist. Wir genießen ja auch oft die Stille vor dem Einschlafen oder in anderen kurzen Augenblicken, doch der heutigen Welt fehlt die Stille ja fast vollständig. Manchmal schlage ich vor, dass man im Fitnessstudio keinen Walkman hört, so dass man herausfinden kann, wie es ist auf den eigenen Körper und die Atmung zu hören. Genauso berichten manche Patienten, wie sie eines Tages spontan das Autoradio ausschalteten oder beim Essen aufhörten, den Fernseher laufen zu lassen.
Mich beeindruckte schon immer die Geschichte der Maria Montessori, die ihre Arbeit als Pädagogin mit armen Kindern in Italien begann. Sie sorgte dafür, dass die Kinder jeden Tag mehrere kurze Perioden in Stille zubringen konnten. Am Anfang hassten die Kinder das geradezu, aber sie änderte nichts an ihrer Methode. Als sie dann später absichtlich die Ruhephasen wegließ, zeigte sich, dass die Kinder diese vermissten. Sie stellten Fragen wie: „Dürfen wir uns jetzt einfach mal etwas hinlegen?“ Montessori hatte einen Weg gefunden, einen natürlichen Speicher anzuzapfen, der heutzutage immer mehr an Bedeutung gewinnt, denn die Geschwindigkeit unseres zeitgenössischen Lebens kann so hetzend und berauschend sein.
Meinen Sie damit, dass man geradezu süchtig nach Stress werden kann?
Obwohl sich das weitgehend im Unbewussten abspielt sind es doch unsere physischen, mentalen und emotionalen Reaktionen auf Stress wie auch unsere Gewohnheiten und Verhaltensmuster, die Sucht erzeugen können. Die Erfahrung hat mir gezeigt, dass Süchte im Wollen verwurzelt sind: wir wollen dass unser Leben, unsere Mitmenschen oder die ganze Welt so oder so sind. Die Diskrepanz zwischen der Art und Weise wie die Dinge sind und wie wir sie gerne haben möchten, schafft Turbulenzen und Unbehagen. Oft entwickeln wir, um dem Unbehagen zu entkommen, Reaktionsmuster, die sich selbst fortsetzen und auch oft dazu beitragen, dass wir bekommen, was wir wollen um weniger Stress zu empfinden. Und dennoch, wenn wir ehrlich mit uns sind, ist zu bekommen, was wir wollen, nicht immer zufriedenstellend.
Wenn wir bereit wären gut auf uns selbst zu hören, dann würden wir in gewisser Weise sehen, dass die Art, mit der wir bekommen, was wir wollen, uns auch selbst und anderen schaden kann und dass wir nun davon abhängig geworden sind, und geradezu süchtig danach, diesen künstlich kreierten Eigensinn zu fast jedem Preis aufrecht zu erhalten. In meinem eigenen Leben hat sich diese Art der Beziehung zur Welt eher als versklavend als als befreiend erwiesen.
Und während ein Teil von mir sich in dieser Eigenart großartig vorkommen mag, sehe ich doch etwa acht Stunden später ein, wieviel ich doch im Laufe des Tages auf diese Weise verloren habe. Jene Person habe ich nicht wirklich wahrgenommen und hier war ich bei einem Telefonanruf nicht wirklich aufmerksam. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich überhaupt von A nach B gekommen bin. Irgendein Rest von Achtsamkeit hat mir geholfen mich fortzubewegen, aber ich war doch nicht wirklich aufmerksam zugegen. „Anzuhalten“ ist eine Gelegenheit und Mahnung für uns, einmal wirklich ganz mit der Aufmerksamkeit da zu sein und auch Absichten zu zeigen. Absichten zu haben ist für die Verminderung der Auswirkungen von Stress äußerst wichtig, denn dies hilft dabei unsere Aufmerksamkeit auszurichten darauf, wo wir sind und was wir gerade tun, so dass wir nicht mehr zwischen hier und dort und jetzt oder später hin und her gerissen sind.
Um diese Aufmerksamkeit zu erzielen empfiehlt ihr Buch Achtsamkeits-Übungen, bei denen der Atem beobachtet wird.
Es mag zu einfach klingen, aber viele Menschen sind doch erstaunt, was für ein erstaunlich guter Verbündeter der Atem sein kann. Nur zu wissen, dass wir in einer schwierigen Situation oder an einem schweren Tag auf den Atem achten können, kann sehr hilfreich sein.
Eine Teilnehmerin aus der Klinik erzählte mir neulich davon, wie sie mit ihren schreienden Kindern im Auto nach Boston fuhr und es ihr gelang, ihre Aufmerksamkeit von ihren üblichen gewohnheitsmäßigen Reaktionen auf den Atem umzulenken. Sie entdeckte in diesem Prozess etwas Frieden und Offenheit. Es ging nicht soweit, dass sie den Verkehr mochte, aber sie empfand mehr Geduld und schimpfte nicht mit ihren Kindern.
Könnten wir noch einmal auf die Haltung des „Nein-Sagens“ als Mittel um Stress zu reduzieren zurückkommen?
Man muss verstehen, dass es Spannungen gibt, die zu unserem sozialen Bewusstsein und auch der Notwendigkeit auf eigenen Beinen zu stehen gehören. Wir sind in einer Kultur aufgewachsen, die sehr stark von jüdisch-christlichen Werten wie anderen zu helfen geprägt ist, was uns ein starkes soziales Bewusstsein in Bezug darauf verleiht, wieviel auf der Welt zu tun ist. Aber das führt auch zu enormen Konflikten.
Eine Möglichkeit um mit dieser Dynamik zu arbeiten ist uns wieder selbst in den Kreislauf der Fürsorge einzuordnen. Andere benötigen natürlicherweise Aufmerksamkeit, wir selbst aber auch. Für viele fühlt sich die Sorge um sich selbst wie egoistische Selbstbezogenheit an, was dann mit Schuldgefühlen und einer Angst davor narzistisch zu sein einhergeht. Und dennoch entdecken Menschen, die sich in Achtsamkeit üben, dass sie dabei weniger narzistisch werden.
Während sie sich ihrer eigenen Gedanken, Gefühle, Gewohnheiten und physischen Bedürfnisse bewusster werden, verringert sich ihre Fähigkeit einfühlsamer zu werden und auf andere einzugehen durchaus nicht. Je mehr wir uns selber verstehen, desto besser können wir auch andere verstehen und auf ihre Situation eingehen. Wenn wir uns als einen Teil des sozialen Gewebes sehen lernen, das eigentlich neu zusammengenäht werden müsste, dann können wir vielleicht das Kleid unseres eigenen Lebens wieder anlegen lernen, und zwar auf eine Art und Weise, die weder selbstbezogen noch selbstlos, aber irgendwo in der Mitte verwurzelt ist, von wo aus wir uns selbst als die Welt und die Welt als uns selbst sehen können.
Neben dem starken sozialen Bewusstsein ist auch die Zielstrebigkeit Teil unseres kulturellen Erbes, das für viele zu einer Ursache für Stress wird.
Das stimmt. Wir sind in einer Kultur aufgewachsen, in der es zu ausgewöhnlichen Ergebnissen geführt hat sich hohe Ziele zu setzen, doch leiden auch Menschen sehr in dieser Atmosphäre, wenn es ihnen nicht gelingt das zu erlangen, was sie sich vorgenommen hatten oder wenn sie andere Wertvorstellungen teilen. Auch kann die Zeit, die zwischen der Ausrichtung auf ein Ziel und seines Erreichens liegt, zur Hölle werden, denn wir haben keine ausreichende Ausbildung oder Übung darin zu wissen, wie wir den Schwung am Ende des Tages abbremsen und unser Leben genießen können.
Wir halten den Atem an bis die Arbeit getan ist.
Buchstäblich. Wenn einem erst einmal zu Bewusstsein gekommen ist, dass man atmet, dann geht dies oft mit einer Einsicht einher, wie sehr man den Atem ein ganzes Leben lang zurückgehalten hat. Das ist eine verblüffende Erfahrung. Man erkennt, dass es möglich ist, die eigenen Ziele für eine Stunde zurückzustellen, um Zeit mit den Kindern zu verbringen oder einmal eine Nacht lang gut zu schlafen, um dann am nächsten Morgen wieder frisch an die Arbeit zu gehen. Grundsätzlich dreht es sich dabei um die Entwicklung von Selbstvertrauen.
Wir sind so erzogen worden zu glauben, dass wir nur unter Druck etwas leisten könnten. Manchmal mag es nötig sein sich selbst etwas Druck zu setzen und viele von uns sind ja auch gut darin geübt etwas aufzuschieben, aber ein solcher Druck ignoriert die Möglichkeit, dass wir als menschliche Wesen von innen heraus motiviert sein können, dass wir es lieben unsere Aufgaben zu erfüllen, dass wir gerne etwas lernen wollen und dass wir auf eine natürliche Weise kreativ sind. Wenn Menschen bewusst wird, was sie eigentlich gerade tun, dann können sie auch ihre Ziele für einige Zeit zurückstecken, gut durchatmen und ohne die Angst, dass sie nichts mehr zustande bringen, in Ruhe verweilen. Wir ordnen der Produktivität einen so hohen Stellenwert zu.
Es ist wunderbar produktiv zu sein, aber wir neigen dazu die andere Seite zu ignorieren, dass es nämlich genauso wundervoll sein kann, einmal nicht produktiv zu sein. Unsere Fähigkeit ein Gleichgewicht herzustellen zwischen Tun und Nicht-Tun könnte uns das Leben retten, uns heilen und für unser Wohlbefinden ganz notwendig sein. Aber selbst ein Urlaub kann für manche Menschen zu einer weiteren Verpflichtung werden. Ich las diesen lustigen Zeitungsartikel über jemanden, der in New York folgende Dienstleistung anbietet: Wenn du ihm deinen Reiseplan schickst, dann schickt er dir im voraus Postkarten von allen Stationen der Reise. So kannst du sie schreiben bevor du überhaupt aufgebrochen bist.
Soviel Stress scheint daher zu kommen, das man dem, was unmittelbar vor einem liegt, widerstehen möchte. Wie passt die Haltung der Hingabe in diese Bewertung?
Wir haben allgemein gesagt eine Menge Schwierigkeiten mit dem Begriff der Hingabe, weil wir ihm mit Resignation und Passivität gleichsetzen. Doch es liegt eine enorme Kraft darin zu lernen, wie man sich den Dingen wie sie sind hingibt. Manche nennen das lieber Akzeptanz.
Die Menschen lassen sich in der Regel sehr vom christlichen 'Gebet der Gelassenheit' leiten (Herr, gib mir den Mut das zu verändern, was geändert werden kann, die Gelassenheit zu akzeptieren, was nicht verändert werden kann und die Weisheit unterscheiden zu können.), in dem ein Unterschied gemacht wird zwischen dem, was man ändern kann und was nicht. Wenn wir so stark gedrückt haben wie wir nur konnten und der Berg bewegt sich immer noch nicht, wie sollen wir uns da hingeben? Können wir zulassen, dass die Erde uns eine Weile trägt oder müssen wir uns selbst mühevoll aufrichten? Natürlich liegt auch etwas Positives darin, wenn man eine gewisse Kontrolle über das eigene Leben entwickelt, wenn man wie das Sprichwort sagt, die Zügel selbst in die Hand nimmt und seine Arbeit erledigt. Man erreicht, was man erreichen möchte. Aber in welchem Zustand werden wir selbst sein, wenn wir am Ziel ankommen und wie steht es um unsere Mitmenschen? Was haben wir alles gewaltsam durchgeboxt, um unsere Selbstkontrolle aufzubauen und unsere Ziele zu verwirklichen? Wen haben wir auf unserem Weg plattgetreten? Vielleicht haben wir einen quantitativen Erfolg errungen, aber in Punkto Qualität haben wir versagt. Dieser Aspekt der Selbstkontrolle steht einer Haltung von Verzicht völlig entgegen.
Doch es gibt eine andere Art von Selbstkontrolle, die in der Meditationspraxis entwickelt wird und zu gegebener Zeit mehr mit Aufmerksamkeit und Nachgeben zu tun hat. Indem wir erkennen, dass wir die Wahl zwischen verschiedenen Arten der Selbstkontrolle besitzen, können wir lernen, uns auf verschiedene Situationen einzustellen und uns angemessener zu verhalten.
Vor 25 Jahren fragte mich jemand, für den ich eine Menge Respekt empfand, ohne Vorwarnung danach, ob ich eine Person von dem Schlag sei, das ich durch einen Berg ginge oder eher um den Berg herum. Ich weiß noch wie ich meine Brust ein wenig aufblähte und von mir behauptete, ich würde dann wohl eher durch den Berg gehen. Dann fragte er mich, ob es mir jemals in den Sinn gekommen sei, dass ich auch um den Berg herum gehen könnte. Mir ist diese Unterhaltung viele Jahre lang durch den Kopf gegangen und ich lebe seitdem geradezu mit dieser Frage. Ich frage mich also, wie es wohl wäre, um einen solchen Berg herum zu gehen. Wenn wäre das richtig? Wann wäre diese sinnvoller als einen Durchbruch zu versuchen? In der Klinik sind es solche Fragen, von denen wir hoffen, dass unsere Patienten sie sich beginnen zu stellen. Wir möchten ihnen gerne dabei helfen eine Art im Fluss-Sein zu entwickeln, wenn sie sich mit den Herausforderungen ihres Lebens auseinandersetzen müssen.
Wie kommt es, dass Wahlmöglichkeiten Stress abbauen helfen?
Wenn wir verschiedene Möglichkeiten sehen, dann hilft uns dies dabei, auf eine gegebene Situation wirksamer und bejahender einzugehen. Eine Menge Stress entsteht, wenn jemand eine Bedrohung wahrnimmt und einfach durch das Gefühl etwas nicht zu schaffen. Wenn wir merken, dass sich das Repertoire unseren eigenen Reaktionsmöglichkeiten erweitert hat, verringert sich auch das Gefühl einer Bedrohung.
Das führt uns zu dem Thema des Gefühls, im Leben stecken geblieben zu sein. Sie schreiben, dass viele Patienten von dem Wunsch sprechen, eine gewisse Kontrolle über das eigene Leben zurückgewinnen zu wollen.
Nur zu oft spüren die Menschen, dass es keinen Ausweg gibt, der von dort wegführen könnte, wo sie sich gerade befinden. Sie sehen dann überhaupt keinen Weg, auf dem sie ausbrechen könnten. In dem Maß wie wir uns jedoch mit den Ressourcen vertraut machen, die uns zur Verfügung stehen, wird ein Gefühl von Steckenbleiben und Beengtsein auch abnehmen.
So hat Stress etwas mit einer existentiellen Dimension zu tun.
Natürlich. Viele Menschen kommen in die Klinik und suchen nach einer Möglichkeit zu entspannen, doch dann taucht in ihnen die Frage auf: Was ist der Sinn meines Lebens? Wer lebt mein Leben? Und wer bin ich?
Es mag ihnen nicht gelingen auf diese Fragen in acht Wochen Antworten zu finden, aber allein dadurch, dass sie sich einmal solche Fragen stellen, beginnt sich auch ihr ganzes Leben zu verändern. Wenn wir uns eine Frage nur lange genug stellen, scheint ein mysteriösen Enthüllungsprozess in Gang zu kommen. Die Frage selbst gräbt sich tief durch uns durch.
Was halten Sie im Zusammenhang des Stressabbaus von Medikamenten, die gegen Furcht und Depression wirken. Sind sie hilfreich oder eher hinderlich?
Das ist eine gute Frage. In einer Studie über Furcht, die wir in der Klinik durchgeführt haben wie auch in den folgenden drei Jahren, in denen wir an dieser Studie weitergearbeitet haben, nahmen die Hälfte der Teilnehmer Medikamente und die andere Hälfte nicht. Beide Gruppen haben gute Fortschritte gemacht. Oft sage ich zu Leuten, die Medikamente nehmen, aber eigentlich lieber keine nehmen würden, dass die Medikamente tatsächlich ihre Verbündeten sein könnten, die ihnen helfen Zeit zu sparen. Selbstregulierende Fähigkeiten können entwickelt und allmählich an die Stelle der Notwendigkeit Medikamente zu verwenden treten - oder ihnen helfen weniger davon zu nehmen. Aber man benötigt Zeit um solche Fähigkeiten zu erlernen.
Ganz besonders interessierst mich der gesamte Bereich der integrativen Medizin, bei der „low-tech“ Methoden wie Meditation neben den high-tech Methoden der Chirurgie, Chemotherapie oder medikamentöser Behandlung verwendet werden. Patienten können sich beider Seiten bedienen, während sie in einer gesundheitlichen Krise stecken. Auch Ärtzte reagieren positiv auf solche Ansätze, da ihnen dadurch ihre Verantwortung, die beste zur Verfügung stehende medizinische Behandlung anzubieten, nicht abgesprochen wird. Und die Patienten mögen es, da sie in der Lage sind, einige Dinge selbstständig und auch für sich selbst zu tun, die auch eine positive Wirkung haben.
Es entsteht eine Situation, in der mehrere profitieren, eine Medizin, die mehr persönliche Teilnahme und Zusammenarbeit erfordert. Wir sind nicht daran interessiert, unsere Arbeit in der Klinik für Stressabbau als eine Alternative zur allopathischen Medizin aufzubauen. Wir verwenden deshalb noch nicht einmal den Begriff „alternativ“. Eher geht es bei unserem Ansatz darum, Achtsamkeits-Meditationen und andere Körper-Geist-Methoden in die Mainstream-Medizin im Dienste der Gesundheit und der Heilung zu integrieren.
Wir sprechen heutzutage soviel über den Verlust der Gemeinschaften im zeitgenössischen
Leben. Wie sieht aus ihrer Sicht der Zusammenhang von Isolation und Stress aus?
Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass ich mehr Stress und Druck empfinde, wenn ich mich isoliert fühle. Es sind gute Forschungsarbeiten darüber angestellt worden, die ergeben, dass eine gemeinschaftliche Unterstützung wichtig für das Gefühl ist, einen Platz auf dieser Welt zu haben. Viele von uns sehnen sich danach. Inmitten großer Schwierigkeiten zu wissen, wohin wir gehören, womit wir verbunden sind, dass wir Teil eines größeren Ganzen sind, kann eine enorme Hilfe sein.
Im Umfeld der Klinik für Stressabbau (SRC), in der die Patienten Gruppen von 25-35 Personen bilden, vertieft ein Gefühl von Gemeinschaft und Geselligkeit die Fähigkeit, sich in unbekannte, schwierige Gebiete vorzuwagen. Man hört, wie andere Menschen über ihre Krankheit sprechen und kann somit eine neue Perspektive in Bezug auf die eigene Geschichte entwickeln. Unsere Sorgen, einschließlich unseres ganzen Stress, werden zu einem Teil des Gewebes, ein menschliches Wesen zu sein.
Dies hat jedoch auch eine paradoxe Seite. Ein Weg, der häufig gewählt wird um mit Stress fertig zu werden, ist, unsere Welt auf eine Größe zu beschränken, in der wir uns sicher fühlen, wo wir uns auskennen, mit der wir vertraut und in der wir beschützt sind. Indem wir unsere Verbindungen zu anderen und zu uns selbst einschränken, d.h. unsere unmittelbare Erfahrung in Bezug auf das, was in unserem Körper, Geist und den Gefühlen vor sich geht, kommen wir auch in die Lage, unsere Welt als in uns vorhanden zu erkennen und unsere Ängste zu verringern.
Während uns das einerseits hilft mit der Lage fertig zu werden, führt dies langfristig doch zu einer Verarmung. Wir mögen die Dinge irgendwie erledigen, doch unser Lebensraum wird so begrenzt, dass, wie es einer meiner Patienten sehr treffend beschrieb, wir die Enge geradezu an unseren Ellenbogen, unserer Nase und unserem Rücken spüren können. Oft kommen Leute zu uns und sagen: „Ich funktioniere, aber ich stecke an diesem engen Platz fest und ich mag das überhaupt nicht. Aber wenn ich hier herausgehe weiß ich nicht, ob ich das überlebe.“
Sie bevorzugen also sozusagen eine eingekästelte Hölle vor dem Unbekannten.
In gewisser Weise gilt das für uns alle. Wir mögen das nicht bevorzugen, aber es ist doch das beste, was wir tun können. Es ist positiv in dem Sinn, das es uns hilft zu überleben, aber es trägt nicht dazu bei, dass wir uns zufrieden oder lebendig fühlen könnten. Wir bitten die Teilnehmer darum, und auch uns selbst als Instruktoren im klinischen Übungsprogramm, in Bezug auf alles ein größeres Bewusstsein zu entwickeln, einschließlich unseres Unbehagens. In den ersten Wochen der Gruppen in der Klinik schlagen wir den Teilnehmern häufig vor, tatsächlich einmal zu lernen sich mit ihrem Unbehagen wohl zu fühlen.
Die Menschen berichten dann, dass sie fähiger werden, zu empfinden, zu sehen und zu erfahren was gerade vor sich geht und sich von ihren Ängsten abzukoppeln - ohne abzuspalten - indem sie lernen, das eigentliche Gefühl und die unmittelbare Erfahrung von ihren momentanen gedanklichen und emotionalen Reaktionen zu unterscheiden. Sie schaffen damit einen offenen Raum. Jedesmal wenn wir Achtsamkeit praktizieren, kultivieren wir gleichzeitig diese Fähigkeit sich zurückzunehmen und uns selbst mehr Raum zu geben. Wir lernen also, die Gedanken über das was geschieht von dem eigentlichen Geschehen zu unterscheiden.
Wenn Menschen ihre Angstgefühle beschreiben, zeigt sich, dass ihre Erfahrungen eigentlich zwei verschiedenen Kategorien angehören, jene, die sich auf direkte Ereignisse beziehen und jene, die auf einem verinnerlichten Sinn von Furcht und Grauen beruhen. Dieser Geisteszustand ist ganz besonders Stress auslösend, denn wir schaffen es, so durch unser Leben zu gehen und uns dabei ängstlich über die Schultern zu blicken. Indem wir unser Bewusstsein öffnen, kann es geschehen, dass wir uns zunächst auch mehr beängstigenden Informationen öffnen, aber wir werden gleichzeitig auch die Ressourcen dafür entwickeln, das ganze Material auch auf eine effektivere Weise handhaben zu können. Das gehört dazu, wenn wir die Kontrolle über das Leben zurückgewinnen wollen.
Das heißt mit anderen Worten, dass die Spannung, die durch den Widerstand gegen unsere
dunklen Seiten entsteht, mehr Stress aufbaut und uns zudem von uns selbst entfremdet.
Es zehrt an unseren Resourcen, weil es soviel Energie benötigt diese Seiten nicht sehen, sie unterdrücken und ihnen widerstehen zu wollen. Wir sagen den Patienten nicht, dass sie in den unangenehmen Zuständen, die sie in ihrer Meditation oder ihrem Leben erfahren, bleiben müssten, sondern dass sie stattdessen absichtlich die inneren Ressourcen kultivieren können, die sie dafür benötigen, diesen Bereich auf eine maßvolle und selbstbestimmte Art und Weise zu erforschen.
Anders gesagt mag sich jemand heute nur trauen seinen großen Zeh ins Wasser stecken, doch in ein paar Monaten badet er vielleicht schon sein ganzes Bein. Während unsere Bereitschaft dabei zunimmt, widerstehen wir dem Leben weniger und können auch besser mit Stress umgehen. In diesem Prozess entdecken wir auch, dass wir ein Leben besitzen, das viel größer ist als wir vermutet hätten. Und wir sind nicht mehr so erschöpft durch das Bemühen, uns die Dinge vom Leibe zu halten. Wenn wir eine Methode für diese Entdeckung finden, dann kann jeder von uns auf eine Weise ins Leben hineingehen, die wir vorher nicht für möglich gehalten hätten.
Übersetzung: Yesche U.Regel


