Jonty Heaversedge & Ed Halliwell

Achtsamkeit erreicht den Mainstream

Die Verbreitung einer jahrtausendealten Praxis
Achtsamkeit erreicht den Mainstream

Stellen Sie sich vor, die Botschaft von der positiven Wirkung der Achtsamkeitsmeditation würde sich immer weiter verbreiten. Stellen Sie sich vor, alle an einer Krankheit leidenden Menschen hätten die Möglichkeit, die Achtsamkeitspraxis zu erlernen. Stellen Sie sich vor, Zeitungen und Zeitschriften würden nicht mehr über die neuesten Automodelle, die neueste Diät oder den neuesten Klatsch über Prominente berichten, sondern verbreiten, dass die Kultivierung der Achtsamkeitspraxis zu einem glücklicheren und gesünderen Leben beitragen kann.

Stellen Sie sich vor, Arbeitgeber würden ihre Angestellten nicht mehr zu härterem und schnellerem Arbeiten antreiben, sondern sie ermutigen, sich täglich Zeit für Meditation zu nehmen – in dem Wissen, dass nur entspannte und energiegeladene Mitarbeiter mit einem klaren Kopf wirklich produktiv sein können. Stellen Sie sich vor, Achtsamkeit würde an allen Schulen gelehrt, so dass die Kinder nicht nur lernen, wie sie Prüfungen bestehen und Ziele erreichen, sondern von früh an erfahren, wie es ist, zu „sein“, und ihr Lernen in einen Kontext von größerem Mitgefühl und Kreativität einbetten.

 

Achtsamkeit als Fundament unseres gesamten Lebens

Und stellen Sie sich bloß einmal vor, die Politiker würden vor jeder Parlamentssitzung zehn Minuten lang Achtsamkeitsmeditation praktizieren, statt die Opposition lautstark der Nutzlosigkeit zu bezichtigen. Sie würden innehalten, um ihr Ego loszulassen und wahrzunehmen, wie sehr sie sich in ihren Entscheidungen von nicht hilfreichen alten Denk- und Gefühlsmustern leiten lassen. Das Regieren wäre dann nicht mehr von Verteidigung und Konfrontation bestimmt, sondern von Kooperation und einem konstruktiven Miteinander.

Stellen Sie sich schließlich vor, wie es wäre, wenn Achtsamkeit das Fundament unseres gesamten Lebens bilden würde, die Basis, von der aus wir die glückliche Welt erschaffen, die wir uns alle so sehr wünschen und die sich scheinbar doch so schwer manifestieren lässt.

 

Reine Traumtänzerei?

Vielleicht erscheint Ihnen all dies als unrealistisch und Traumtänzerei. Ein frommer Wunsch. Dazu wären die Menschen niemals bereit. Sie meinen jetzt schon, nicht genug Zeit zu haben. Weshalb sollten sie sich also hinsetzen und meditieren? Außerdem glauben die meisten Menschen sowieso, Meditation wäre so eine seltsame „New Age“-Geschichte, etwas, das mit östlicher Religion oder Realitätsflucht zu tun hat. Wieso sollten sie ihre Meinung ändern? Ich könnte es ja mal versuchen, aber die Vorstellung, dass die Mehrheit der normalen Menschen so handeln würde, ist ein Hirngespinst. Das ist unmöglich. Und verschonen Sie mich mit der Vorstellung, Ärzte, Lehrer, Arbeitgeber und Politiker würden Meditation empfehlen.

Wenn Sie so denken, haben wir eine gute Nachricht für Sie. Es geschieht bereits hier und dort. Achtsamkeitsmeditation ist nicht länger nur eine spirituelle Randerscheinung, auf die man allenfalls in der Selbsthilfeabteilung von Buchhandlungen und bei Heilpraktikern stößt. Sie ist im Mainstream angekommen. Bedeutende Persönlichkeiten beginnen sich hinzusetzen und wahrzunehmen, weil sie verstehen, dass es tatsächlich klüger sein könnte, einigen der enormen Probleme unserer Welt mit Achtsamkeit zu begegnen.

Sie mögen sich fragen, warum sie dann erst jetzt darauf kommen. Immerhin wissen Meditierende schon lange um die heilsame Wirkung dieser Art der Arbeit mit dem Geist. Zudem handelt es sich bei der Achtsamkeitspraxis nicht gerade um eine neue Methode – die grundlegenden Übungen sind bereits seit Tausenden von Jahren bekannt.

 

Die Antwort lautet: Wissenschaft

Eine große und immer noch wachsende Zahl an Untersuchungen stützt seit Neuerem manche Aussage über die positiven Effekte der Achtsamkeitspraxis. Einige Psychologen und Psychologinnen haben Pionierarbeit geleistet und nicht nur neue Therapien auf der Basis der Achtsamkeitspraxis entwickelt, sondern auch sorgfältig untersucht, ob und wie sie wirken. In renommierten wissenschaftlichen Fachzeitschriften sind zahlreiche Studien veröffentlicht worden, die zeigen, dass sich durch die Achtsamkeitspraxis tatsächlich Stress, Ängste und Depressionen abbauen, das Immunsystem stärken und die Heilung beschleunigen lassen. Bei einer Vielzahl körperlicher Krankheiten hilft sie den Menschen zudem, mit der Erkrankung umzugehen.

Studien belegen, dass Achtsamkeit Aufmerksamkeit, Konzentration, Gedächtnisleistung und Kreativität fördert, unser emotionales Gleichgewicht und unser Selbstwertgefühl stärkt und uns besser schlafen sowie weniger wütend sein lässt. Es hat sich gezeigt, dass Achtsamkeit negative Gedanken reduziert und uns hilft, zufriedenere Beziehungen zu leben. Neurowissenschaftler haben überdies festgestellt, dass die Achtsamkeitspraxis positive Veränderungen in Form von erhöhter Aktivität im Gehirn bewirkt und das Wachstum der mit dem Wohlbefinden assoziierten neuronalen Netzwerke fördert.

Studien haben zudem gezeigt, dass von Natur aus achtsamere Menschen weniger neurotisch sind und sich nicht so schnell angegriffen fühlen. Sie sind extrovertierter, energiegeladener und bewusster und im Allgemeinen zufriedener mit ihrem Leben. Sind sie niedergeschlagen, finden sie schneller wieder aus diesem Zustand heraus. Sie nehmen stärker Anteil und sind empathischer – achtsame Menschen sind nicht nur für andere da, sondern fühlen sich ihnen auch näher und stärker verbunden.

 

Das lässt viele endgültig aufhorchen…

Wir leben in einem wissenschaftlichen Zeitalter. Sobald Studien belegen, dass etwas funktioniert, nehmen Menschen in Machtpositionen davon Kenntnis. Das ist verständlich – wissenschaftliche Methoden haben in den letzten Jahrhunderten insbesondere in der Medizin und im Gesundheitswesen zu vielen großen Errungenschaften der „Welt des Tuns“ geführt. Behaupten dagegen lediglich einige Anhänger einer spirituellen Lehre oder ein paar New-Age-Aussteiger, dass Meditation hilfreich sei, werden sie nie den Mainstream überzeugen können. Beginnen jedoch angesehene Wissenschaftler von Universitäten wie Harvard und Oxford dasselbe zu sagen und ihre Aussagen mit Daten zu untermauern, ist das etwas ganz anderes. Einige Daten belegen sogar, dass sich Geld sparen lässt, wenn wir Menschen Achtsamkeit lehren – solche Informationen lassen Menschen in Machtpositionen endgültig aufhorchen.

Die Achtsamkeitspraxis ist einfach und lässt sich dennoch bei so vielen unterschiedlichen Problemen einsetzen. Eine grundlegende Einführung erfordert nur wenige Minuten. Nahezu jeder Mensch kann diese Praxis erlernen und fast überall anwenden, im Bus, im Supermarkt, am Schreibtisch, im Bett. Sie erfordert keine besondere Ausrüstung – nur den Geist. Es gibt wahrscheinlich keine Situation, in der ein Mehr an Achtsamkeit nicht hilfreich wäre – von kleinen alltäglichen Ärgernissen bis hin zu den größten globalen Problemen.

 

Der Samen ist gesät

Die Vorstellung, dass Achtsamkeit die Grundlage für ein glücklicheres Leben und eine zufriedenere Welt bilden könnte, ist nicht neu. Doch dank all der wissenschaftlichen Bemühungen erreicht sie nun auch einige derjenigen Menschen, die ihrer am meisten bedürfen. In den Vereinigten Staaten wird Achtsamkeit bereits an Hunderten von Kliniken gelehrt. Die „Schüler“ sind Menschen mit Angststörungen, Erschöpfungszuständen, Rückenschmerzen, Herzerkrankungen, Aids und Krebs.

In Großbritannien hat die Regierung kürzlich Achtsamkeit als Behandlungsmethode für Menschen empfohlen, die an wiederholten depressiven Episoden leiden. Allgemeinärzte sind immer häufiger von ihrem Nutzen überzeugt. In einer Studie der britischen Mental Health Foundation (Stiftung für geistige Gesundheit) zeigte sich, dass 68 Prozent der britischen Hausärzte der Ansicht sind, ihre Patienten könnten von der Achtsamkeitspraxis profitieren. Überdies werden Programme für Menschen mit Suchterkrankungen, für Schwangere und deren Partner, für Schulkinder und für Paare entwickelt, die sich eine harmonischere Beziehung wünschen.

Der Samen für eine achtsamere Gesellschaft ist gesät. Dennoch: Es liegt noch ein weiter Weg vor uns.

 

Dieser Artikel stammt aus dem Buch Das Achtsamkeits-Manifest von Jonty Heaversedge und Ed Halliwell.