Braucht unsere Gesellschaft mehr Achtsamkeit?

Interview mit Lienhard Valentin, Gründer der Arbor Seminare gGmbH

Seit mehr als 15 Jahren organisiert Arbor-Seminare erfolgreich Trainings, Weiterbildungen sowie Retreats rund um die Themen "Achtsamkeit, Meditation und MBSR".
Michaela Doepke befragte den Gründer Lienhard Valentin zu dem stark wachsenden Interesse an Ausbildungsangeboten.

Michaela Doepke: Lienhard, was verstehst Du eigentlich unter Achtsamkeit?

Lienhard Valentin: Mir persönlich gefällt die Definition am besten, die den von Buddha verwendeten Begriff "Sati" mit "sich erinnern" übersetzt. Das heißt, dass es bei der Praxis der Achtsamkeit weniger darum geht, etwas zu tun oder zu erreichen, sondern eher darum, die Schleier zu lüften, die unsere inneren Qualitäten von Achtsamkeit, Mitgefühl und bedingungsloser Liebe verdecken. So verfallen wir nicht der subtilen Aggression der Selbstverbesserung, sondern sind eher Forschungsreisende, die unser inneres Sein erkunden und frei legen.

Warum findest Du es für Dich selbst wichtig, Achtsamkeit zu leben?
Die Frage ist für mich nicht leicht zu beantworten – zumindest nicht mit logischen Argumenten. Ich bin zutiefst dankbar, dieser Praxis begegnet zu sein, die mein Leben grundlegend verändert hat und fühle mich ihr entsprechend verpflichtet. Dabei geht es mir vor allem darum, wirklich Mensch zu werden, Menschlichkeit zu leben und zu verkörpern und nicht um Erleuchtung oder ähnlich hohe Ziele. Mehr in Einklang mit sich selbst und in Verbindung mit unseren inneren Werten zu leben, ist zutiefst beglückend und führt zu einer Zufriedenheit, die weitgehend unabhängig von Erfolgen oder Bestätigungen von außen sind.

Warum besteht in unserer Gesellschaft aktuell so viel Bedarf für Themen wie Achtsamkeit und Stressbewältigung?
Das hängt sicher damit zusammen, dass immer mehr Menschen den Kontakt zu sich selbst verloren haben und mit dem Autopiloten durch ihr Leben eilen. Das macht auf Dauer unzufrieden, brennt uns aus. Das zunehmende Tempo unserer heutigen Gesellschaft, existenzielle Ängste und das verstärkte Gefühl des Getrenntseins – der Isolation – tun ihr weiteres.

Warum lassen sich Deiner Meinung nach immer mehr Menschen im Bereich Gesundheitsvorsorge ausbilden?
Das kann ich ehrlich gesagt nicht beurteilen – ich weiß noch nicht einmal, ob das wirklich so ist. Mir selbst liegt die Arbeit mit Eltern bzw. das Leben mit Kindern besonders am Herzen. Es lässt sich einfach viel Leid vermeiden, wenn Kinder auf eine Weise aufwachsen können, die sie nicht schon frühzeitig von sich selbst entfremdet. Vielleicht ist es bei Gesundheitsvorsorge ähnlich – Vorbeugen ist immer die beste Wahl. Und da ist die Praxis der Achtsamkeit überaus wirksam, wie inzwischen zahlreiche Studien gezeigt haben.

Wie und wann hast Du eigentlich Deine Liebe für das Thema entdeckt?
Das begann vor ziemlich genau 30 Jahren mit einem Vipassana- Retreat (Einsichtsmeditation). Weitere folgten – vor allem bei Jack Kornfield, aber auch bei anderen Lehrern. Und da mich das Thema "Kinder" besonders interessiert, fragte ich mich, ob es nicht eine Möglichkeit gibt, diese Praxis auch für Eltern nutzbar zu machen. So begann ich mit meiner Gestalt-Lehrerin Katharina Martin zusammen Elternkurse zu entwickeln und die Meditation miteinzubeziehen. 1996 stieß ich dann auf das Buch "Mit Kindern wachsen" von Jon & Myla Kabat-Zinn, das mich sofort sehr angesprochen hat und das wir dann im Arbor-Verlag in deutscher Sprache veröffentlicht haben. Gleichzeitig luden wir beide nach Deutschland ein. Seitdem sind die von Kabat-Zinn entwickelte achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (Mindfulness-Based Stress Reduction - MBSR) und andere achtsamkeitsbasierte Verfahren immer stärker in den Mittelpunkt unserer Arbeit gerückt.

Mit dem Arbor Verlag hast Du Dich bereits vor mehr als zwanzig Jahren auf das Thema Achtsamkeit spezialisiert und viele Bücher publiziert. Warum hast Du zusätzlich Arbor-Seminare gegründet und Ausbildungsprogramme entwickelt?
Das war ein ganz natürlicher und organischer Prozess. Das Interesse an Weiterbildungen nahm kontinuierlich zu. Daher lag es auf der Hand, eine gemeinnützige Gesellschaft zu gründen, die Angebote auf möglichst hohem Niveau zugänglich macht. Auch unsere Grundausbildung "Achtsamkeit leben – Achtsamkeit lehren" hat sich in diesem Prozess entwickelt. Da wir vermeiden wollten, dass Achtsamkeit nur didaktisch-technisch vermittelt wird, sondern in erster Linie als eine Lebensweise, liegt der Schwerpunkt der Grundausbildung auf dem SEIN, also darauf, Achtsamkeit in uns selbst zu verkörpern und in unser Leben zu integrieren. Das TUN – also Didaktik, Curriculum etc. – folgt dann erst in einem zweiten Teil. Gleichzeitig ist die Grundausbildung sehr offen gehalten, also nicht ausschließlich auf MBSR ausgerichtet, sondern es fließen Elemente zahlreicher anderer Ansätze mit ein. Insbesondere MSC (Achtsames Selbstmitgefühl – Mindful Self-Compassion), die Arbeit von Rick Hanson und Interpersonelle Achtsamkeit (säkulares Meditationsprogramm, das Achtsamkeit im zwischenmenschlichen Bereich trainiert). So können die Teilnehmenden am Ende der Grundausbildung entscheiden, wie sie weitergehen wollen, was am besten zu ihnen passt. Das kann MBSR sein, vielleicht aber auch MSC, oder Achtsamkeit mit Kindern, mit Eltern, mit Lehrern oder in welchem Kontext auch immer.

Seit wann veranstaltet Arbor-Seminare die MBSR-Grundausbildung "Achtsamkeit leben – Achtsamkeit lehren" und wie kam es dazu?
Die erste Grundausbildung begann Anfang 2012 – nach einer längeren Vorbereitungszeit. Entstanden ist die Idee im Kontakt und Austausch mit Britta Hölzel, Katharina Martin und Jon Kabat-Zinn. Wichtig war uns vor allem, dass die Essenz der Achtsamkeitspraxis erhalten bleibt. Wir wollten also kein in erster Linie methodisch-didaktisches Lernen vermitteln wie in der Schule, sondern vor allem ein erfahrungsbasiertes Lernen. Die Didaktik sollte dann erst in den entsprechenden Zusatzmodulen hinzukommen. Diese Trennung von Sein und Tun hat sich sehr bewährt. In der Grundausbildung lernen die Teilnehmenden zunächst, eine tiefe Erfahrung der Essenz der eigenen Praxis machen. Erst dann können sie die Achtsamkeit in ihrer Zeit auf authentische Weise weiter geben, – und das auf sehr individuelle Weise z. B. in Form von MBSR oder mit einem ganz eigenen Programm. Diese Individualisierung war uns sehr wichtig. Schließlich legen wir besonderen Wert auf die Interpersonelle Achtsamkeit.
Mit der Zeit veränderte sich auch die Grundausbildung selbst. Natürlich lernen auch wir dazu, die Umstände verändern sich und so sind wir ständig angehalten, nicht in einer rigiden Form zu erstarren, sondern uns den sich wandelnden Umständen anzupassen, ohne den Kontakt zur Essenz der Praxis zu verlieren.

Achtsamkeit liegt derzeit im Trend, ist ein populäres Thema in den Medien und unterliegt vielfach kommerziellen Zwecken. Das Wort wird heute fast inflationär gebraucht und teilweise in großen Firmen als leistungssteigernde Methode für Mitarbeiter missbraucht. Was setzt Arbor-Seminare dagegen?
Wir haben nicht die Absicht, irgendetwas gegen diesen Trend zu unternehmen. Sonst würden wir uns schnell verzetteln und fundamentalistisch werden. Wir gehen so ehrlich und authentisch wie möglich unseren Weg und vertrauen darauf, dass sich das mit der Zeit bewährt und auch von außen erkennbar ist. Alles andere wird sich von selbst regeln. Der Trend wird wieder nachlassen, aber wirklich authentische und qualitativ hochwertige Angebote werden bestehen bleiben. Davon bin ich zutiefst überzeugt.

Warum ist es für Dich so wichtig, dass die Teilnehmer das Achtsamkeitstraining zunächst selbst auf sich anwenden und in ihren Alltag integrieren, bevor sie Achtsamkeit lehren?
Weil es letztlich darum geht, auch in unserer doch recht verrückten Welt möglichst weitgehend im Einklang mit sich selbst und unserer Umwelt zu leben. Und ich kann nur vermitteln, was ich selbst praktiziere. Dabei geht es nicht um Perfektion, sondern darum, eine innere Ausrichtung zu haben, an der wir uns immer wieder orientieren können. Qualitäten wie Achtsamkeit und Mitgefühl kann ich nur unterrichten, wenn ich sie authentisch verkörpere – sonst bleibt das Ganze an der Oberfläche oder ist aufgesetzt.

Nach welchen Kriterien suchst Du die Referenten für die Grundausbildung aus?
Genau nach den genannten Kriterien – wichtig ist mir vor allem, dass sie Achtsamkeit und Mitgefühl verkörpern und eine wohlwollende Atmosphäre schaffen können. Und dann kommt natürlich noch die Erfahrung hinzu. Für die Zusatzmodule sind uns dann auch noch die didaktischen Kompetenzen wichtig. Ich selbst arbeite am liebsten prozessorientiert – bin also nicht so gut geeignet, ein Curriculum zu vermitteln. Von daher tue ich das auch nicht, sondern überlasse das anderen, die das sehr viel besser können.

Wie ist das Echo auf die Grundausbildungen bisher?
Das Echo hat meine Erwartungen oder Hoffnungen noch deutlich übertroffen. Selbst langjährig Meditierende haben tiefgehende Prozesse durchlaufen und konnten ihre Praxis mehr mit ihrem Alltag in Einklang bringen. Vor allem die Interpersonelle Achtsamkeit hat ihnen geholfen, die Achtsamkeit auch in ihre Beziehungen zu tragen. Aber Du bist ja selbst ein Bespiel dafür, was die Grundausbildung selbst bei langjährig Meditierenden bewirken kann.

Gibt es viele Menschen, die nur die Grundausbildung machen und beruflich auch anwenden? Oder empfiehlst Du grundsätzlich, das weiterführende MBSR-Zusatzmodul zu absolvieren?
Ich vermeide es tunlichst, etwas zu empfehlen. Mir ist es wichtig, dass die Teilnehmenden selbst beurteilen, wie sie weiter gehen wollen. Das ist eine zutiefst persönliche Entscheidung und hängt damit zusammen, wie jeder einzelne weitergehen möchte. Bei Abschluss der Grundausbildung hast Du ja selbst miterlebt, wie viel Raum wir geben, damit ihr eine Entscheidung treffen könnt, die im Einklang mit euch und eurem ganz persönlichen Weg ist.

Welche berufliche Qualifikation sollten die Menschen besitzen, die sich für die Grundausbildung "Achtsamkeit leben – Achtsamkeit lehren" anmelden?
Das hängt sehr davon ab, ob jemand die Ausbildung vor allem für sich selbst machen oder später Gruppen anleiten möchte. Noch wichtiger als die berufliche Vorbildung finde ich aber die innere Absicht und die Bereitschaft, sich auf einen tief gehenden Prozess einzulassen. Mit anderen Worten: Was bewegt mich, warum möchte ich die Praxis weitergeben. Wenn man die Praxis lieben gelernt und das Bedürfnis hat, das Gelernte weiterzugeben, ist das schon mal eine gute Voraussetzung. Das Lernen hört ohnehin nie auf.

Wie lange dauert eine Grundausbildung und wie lange dauert das anschließende Zusatzmodul zum MBSR-Lehrer?
Das ist etwas unterschiedlich – im Wesentlichen besteht die Grundausbildung aus drei bis vier Treffen zwischen zwei und fünf Tagen und einem einwöchigen Retreat (insgesamt 20 bis 21 Tage). Das Ganze verteilt sich dann auf ein knappes Jahr. Das MBSR-Zusatzmodul besteht üblicherweise aus drei Treffen von insgesamt zwölf Tagen. Weitere Zusatzmodule zur Vermittlung der Achtsamkeit an Kinder, Eltern, die Qualifizierung zum Lehrer für Achtsames Selbstmitgefühl etc. sind in Vorbereitung.

Können sich auch Menschen für eine Grundausbildung bewerben, die bisher keine Kenntnisse im Pflegebereich hatten?
Ja, natürlich! Die Grundausbildung ist ja eben nicht auf MBSR beschränkt. Es geht vor allem um eine innere Haltung, und diese wirkt sich in allen möglichen Feldern aus. Wir erwarten auch nicht, dass man anschließend unbedingt einen Kurs geben muss. Es gibt nicht wenige Teilnehmende, die einfach in ihrem Alltag präsenter und mehr im Einklang mit ihrem Inneren leben möchten.

Wird die Ausbildung auch dieser Menschen von der Krankenkasse und vom MBSR-Verband anerkannt?
Nein, denn sie werden vermutlich nicht das Zusatzmodul belegen. Wenn sie dies tun und dann auch selbst einen Kurs geben und die anderen Bedingungen für eine Zertifizierung erfüllen, werden sie vom Verband anerkannt. Von den Krankenkassen aber nur, wenn sie zusätzlich einen therapeutischen oder pädagogischen Grundberuf haben.

In welchen Städten wird die Grundausbildung bisher angeboten?
Regelmäßig in Freiburg, in der Bodenseeregion (Vorarlberg), in Berlin und in Zukunft auch in Wien und München. Weitere Orte sind in Vorbereitung - wenn es konkret wird, berichten wir davon in unserem Newsletter.

Das Ausbildungsangebot von Arbor erweitert sich ständig. Neuerdings hast Du die Grundausbildungen um die Thematik "Mitgefühl" erweitert, z. B. durch die Möglichkeit zur Ausbildung zum MSC-Trainer (Achtsames Selbstmitgefühl - Mindfulness Self Compassion). Wie kam es dazu?
Ich selbst bin ja kein MBSR-Lehrer, sondern vermittle Achtsamkeit vor allem an Eltern und Pädagogen. Vor drei Jahren habe ich Christopher Germer und MSC kennen gelernt und war sehr angetan von diesem Ansatz. Mir persönlich ist er noch näher als MBSR, da eine wohlwollende und nicht zu selbstkritische Haltung sich selbst gegenüber für Eltern besonders zentral ist.

Die im Arbor Verlag erschienene Zeitschrift "Mit Kindern wachsen" ist bei vielen Eltern sehr bekannt. Jetzt möchtest Du das Thema "Achtsamkeit mit Kindern" auch auf die Schule ausdehnen und neuerdings Lehrer ausbilden. Warum gibt es aus Deiner Sicht im Erziehungsbereich so einen großen Bedarf?
Dafür gibt es zwei Gründe: Einmal liegen mir Kinder besonders am Herzen sowie Wege, um im Einklang mit sich selbst aufwachsen zu können. Wir wollen auch nicht nur Lehrer, sondern auch Erzieherinnen (bzw. Kindergärtnerinnen, wie es in Österreich heißt) und andere Menschen erreichen, die mit Kindern leben oder arbeiten. Ein weiterer Aspekt ist, dass Achtsamkeit dem Zweck dient, Leiden zu lindern – und in der Schule leiden meist alle Beteiligten: Die Kinder, die Eltern und die Lehrkräfte. Wie schon zahlreiche Studien zeigen, kann die Praxis der Achtsamkeit in diesem Feld für alle Beteiligten ein wahrer Segen sein. Wir wollen da aber ganz langsam vorgehen und nichts überstürzen. Gerade in der Schule besteht auch eine Tendenz, die Praxis der Achtsamkeit zu instrumentalisieren. Dann wird sie zu einer Art "Ritalinersatz", um die Kinder ruhig zu stellen. An so etwas möchten wir uns nicht beteiligen.

Wie sind Deine Visionen für die Zukunft?
Oha (lacht) – die ändern sich ständig! Im Moment sind wir dabei, ein neues achtsamkeitsbasiertes Programm für Eltern zu entwickeln – wie gesagt, Kinder liegen mir besonders am Herzen. Zurzeit ergeben sich aber so viele neue und spannende Möglichkeiten, dass ich keine Prognose machen möchte. Ich bin ein Freund organischer Entwicklung – und einer solchen möchten wir Zeit und Raum geben. Ich bin aber überzeugt, dass qualitativ hochwertige Angebote im Bereich Achtsamkeit tief in unsere Gesellschaft hinein wirken können und dass das Interesse weiter wachsen wird. Wir hoffen, diesen Prozess auch weiter begleiten und unterstützen zu können.

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Alle Rechte vorbehalten. Arbor Seminare / Michaela Doepke