Russell Kolts

Folge deiner Linie

Was unser Leben mit Mountainbiking zu tun hat
Russell Kolts: Folge deiner Linie

Wenn man im Nordwesten der USA lebt, bieten sich eine Menge Gelegenheiten für Aktivitäten in freier Natur. Ich (Russell) habe Spaß an mehreren, einschließlich Skifahren, Wandern und gelegentlicher Rucksack-Touren. Eine meiner Lieblingsaktivitäten ist allerdings das Mountainbiking. Es ist einfach etwas ganz Besonderes, mit einem Fahrrad auf einem schmalen Pfad mitten durch einen üppigen grünen Pinienwald zu fahren oder sich an einem Abhang einen Weg über felsiges Gelände zu bahnen. Das ist einer der Gründe, weshalb ich so gerne in Spokane lebe. 

Auf meinen ersten Mountainbike-Touren erlebte ich jedoch viele Stürze. Sehr viele. Wenn man auf Waldpfaden fährt, stößt man auf eine Menge Hindernisse: Felsbrocken, Baumstümpfe, Wurzeln und hin und wieder auf einen umgestürzten Baum. Sich einen Weg durch diese Hindernisse zu bahnen, ist Teil des Vergnügens. Auf einen Anfänger kann das allerdings ziemlich einschüchternd wirken und er kann das Gefühl bekommen, aus unerfindlichen Gründen genau auf die Hindernisse zuzusteuern, die er vermeiden möchte – immer und immer wieder. Das kann sehr frustrierend sein (und manchmal ziemlich schmerzhaft!) Auch ich erlebte es so, bis mein Freund Michael mir einen erstaunlichen (und erfrischend kurzen) Rat gab. Er sagte: „Folge deiner Linie.“ 

 

Wir fahren in die Richtung, in die wir schauen

Die Idee ist schlicht, aber brillant: Nimm die Hindernisse wahr, die du umfahren willst, aber starre nicht darauf, denn das Rad wird deinem Blick folgen. Wir können es nicht ändern, wir fahren einfach in die Richtung, in die wir schauen. Der Trick besteht also darin, eine sichere Route durch die Hindernisse zu erkennen, den Pfad zu wählen, den wir fahren wollen, und unseren Blick auf diese Linie gerichtet zu halten. Mein Problem beim Mountainbiking entstand, weil ich anfangs immer auf „Baumstümpfe starrte“... und auf Felsbrocken und Wurzeln, anstatt auf die Spur, der ich folgen wollte. Als ich begann, meiner „Linie“ zu folgen, veränderte sich meine Erfahrung fast über Nacht und ich konnte mich mühelos durch raues Gelände fädeln, vor dem ich früher einen Horror (oder zumindest weiche Knie) gehabt hätte. 

Das Leben gleicht in vieler Hinsicht dem Mountainbiking. Wenn Hindernisse auftauchen – herausfordernde Situationen, schwierige Gefühle –, funktioniert es nicht, sie einfach zu ignorieren, denn sie „drücken unsere Knöpfe“. Aber wir wollen auch nicht ständig darauf starren. Wenn unsere Aufmerksamkeit permanent auf unsere Schwierigkeiten, Fehlschläge und Probleme gerichtet ist und wir ständig darüber nachdenken, bleiben wir mental auf sie fixiert und das hilft uns nicht wirklich, Lösungen zu finden oder uns besser zu fühlen. Stattdessen wollen wir unsere Herausforderungen erkennen und akzeptieren, wir wollen ihrer zwar gewahr sein, uns aber dann auf die Linie konzentrieren, der wir folgen wollen. Anstatt uns heftige Vorwürfe für vergangene Fehler zu machen, müssen wir darüber nachdenken, wie wir die Dinge besser machen wollen und uns darum bemühen. Anstatt uns ständig Sorgen über die vor uns liegende überwältigende Aufgabe zu machen, können wir uns fragen: „Was könnte mir helfen, diese Aufgabe zu bewältigen?“ Anstatt sich an dem Streit festzubeißen, den Sie heute Morgen mit Ihrem Partner hatten, und den negativen Gefühlen Nahrung zu geben, die Sie dabei verspürten, können Sie sich überlegen, wie Sie nächstes Mal mit einer solchen Situation umgehen wollen, um einen besseren Austausch zu haben und die Beziehung zu heilen. 

 

Erinnere Dich an den Weg, dem Du folgen willst

Wir erkennen die Hindernisse achtsam an, konzentrieren uns dann aber auf unsere Linie und folgen ihr. Das können wir auch auf die Entwicklung von Mitgefühl übertragen. Anfangs werden wir beim Kultivieren von Mitgefühl wahrscheinlich öfter Dinge tun, die die angestrebte innere Veränderung überhaupt nicht widerspiegeln. Vielleicht sind wir barsch und unfreundlich zu jemandem, während wir doch Mitgefühl für alle Wesen entwickeln wollten. Anstatt dann auf uns herumzuhacken, weil wir unseren eigenen Ansprüchen nicht genügen, können wir uns der Hindernisse auf unserem Weg bewusst werden – beispielsweise uns mehr jener Dinge bewusst werden, die unsere Knöpfe drücken, oder der Situationen, die das Gegenteil von mitfühlendem Denken und Verhalten in uns hochbringen – und uns dann überlegen, wie wir es in Zukunft besser machen können. Wir können in schwierigen Situationen auch mehr darauf achten, was wir denken, können bemerken, wenn wir auf die „Baumstümpfe starren“ und uns freundlich wieder an den Weg erinnern, dem wir eigentlich folgen wollen. 

 

Übung

Denken Sie an eine Situation oder Herausforderung, die für Sie ein Hindernis darstellte – vielleicht ein Problem oder ein Konflikt, über den Sie lange gegrübelt haben, oder einen Groll, an dem Sie festhalten und der weiterhin negative Gefühle in Ihnen auslöst. Denken Sie darüber nach, wie sehr dieses Hindernis Ihre Energie gebunden hat, und schauen Sie, ob Sie Ihre Aufmerksamkeit auf konstruktive Möglichkeiten zu seiner Beseitigung richten können oder, falls das nicht möglich ist, ob Sie sich damit konfrontieren und es auf eine positive Art und Weise loslassen können. 

Sollten Sie feststellen, dass Ihr Geist sich wieder auf eine unproduktive Weise mit dem Problem oder Hindernis beschäftigt (beispielsweise ständig grübelt und dadurch negative Gefühle aufrechterhält), dann versuchen Sie, Ihre Aufmerksamkeit freundlich wieder auf Ihre Linie zu lenken: den Weg des Mitgefühls. 

 

Dieser Artikel stammt aus dem Buch Die Weisheit eines offenen Herzens von Russell Kolts & Thubten Chodron.