Rick Hanson

Lass dich nicht einschüchtern

Wie du deine Lebensqualität erhöhen kannst
Lass dich nicht einschüchtern
Jeden Tag geschehen hundert kleine Dinge, von denen 99 positiv oder neutral sind…

Der Mensch hat sich entwickelt, um Angst zu haben – weil das unseren Vorfahren half, am Leben zu bleiben. Wir sind also sehr anfällig dafür, uns ängstlich zu fühlen und sogar durch Gefahren eingeschüchtert zu werden, sowohl durch richtige als auch durch „Papiertiger“.

Diese Anfälligkeit für das Gefühl der Angst hat Wirkungen auf vielen Ebenen, die von Individuen, Paaren und Familien bis zu Schulhöfen, Organisationen und Nationen reichen. Ob es jemand ist, der sich Sorgen um die Konsequenzen macht, wenn er bei der Arbeit oder in einer engen Beziehung seine Meinung sagt; eine Familie, die sich vor einem Angst einflößenden Elternteil fürchtet; ein Unternehmen, das auf Gefahren statt auf Möglichkeiten fixiert ist; oder ein Land, dem routinemäßig gesagt wird, es gäbe die höchste Gefahr für terroristische Angriffe – es ist das gleiche menschliche Gehirn, das in all diesen Fällen reagiert.

 

Wie du die Kontrolle erlangst

Deshalb ist das Verstehen, wie dein Gehirn so wachsam und vorsichtig werden konnte und so leicht von Alarmen gekidnappt wird, der erste Schritt, um mehr Kontrolle über diesen alten Kreislauf zu bekommen.

Dann kannst du durch achtsames Gewahrsein dafür, wie dein Gehirn auf das Gefühl der Bedrohung reagiert, die neuralen Substrate des Verstandes stimulieren, denen mehr Ruhe, Weisheit und ein Gefühl der inneren Stärke innewohnen. Das ist der Verstand, der reale Gefahren klarer sieht und im Bezug auf sie effektiver handelt und nicht so erschüttert oder abgelenkt ist von übertriebenen, handhabbaren und falschen Alarmen.

 

Karotten folgen oder vor Stöcken ausweichen

Das Nervensystem hat sich über 600 Millionen Jahre entwickelt, von frühen Quallen bis zu modernen Menschen. Unsere Vorfahren mussten viele Male am Tag wichtige Entscheidungen treffen: etwas Angenehmes bekommen oder etwas Negatives vermeiden – einer Karotte folgen oder vor einem Stock ausweichen.

Beides ist wichtig. Stell dir vor, du wärst ein Hominide in Afrika vor einer Million Jahren und würdest in einer kleinen Gruppe leben. Um deine Gene weiterzugeben, musst du Nahrung finden, Sex haben und mit anderen kooperieren, um den Kindern der Gruppe (vor allem deinen) zu ermöglichen, dass sie selbst Kinder haben können: das sind große Karotten in der Serengeti. Zudem musst du dich vor Raubtieren verstecken, dich vor Alpha-Männchen und Alpha-Weibchen hüten, die Streit suchen und aufpassen, dass dich andere Jäger-und-Sammler-Gruppen nicht töten: das sind wichtige Stöcke.

Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Karotten und Stöcken. Wenn du heute eine Karotte verpasst, dann hast du wahrscheinlich morgen wieder die Chance, eine zu bekommen. Aber wenn du einem Stock nicht ausweichst, dann – SCHWUPP – für immer keine Karotten mehr. Verglichen mit Karotten, haben Stöcke in der Regel eine größere Dringlichkeit und Wirkung.

 

Weshalb wir wütende Gesichter schneller wahrnehmen

Deshalb reagiert dein Körper in der Regel intensiver auf negative Stimuli als auf vergleichbare positive. Starker Schmerz zum Beispiel kann im ganzen Körper entstehen, aber intensive Freude entsteht (für die meisten Menschen) nur, wenn bestimmte Regionen stimuliert werden.

In unserem Gehirn gibt es verschiedene (wenn auch zusammenhängende) Systeme für negative und positive Stimuli. Im Allgemeinen ist die linke Hemisphäre auf positive Erfahrungen spezialisiert, während die rechte Hemisphäre auf negative Erfahrungen fokussiert ist (das ist sinnvoll, weil die rechte Hemisphäre auf Gestalt, visuell-räumliche Verarbeitung spezialisiert ist. Sie hat also einen Vorteil, um Gefahren, die aus der Umgebung kommen, wahrzunehmen).

Negative Stimuli produzieren mehr neurale Aktivität als genauso intensive (z. B. genauso laute oder helle) positive Stimuli. Wir können sie auch leichter und schneller wahrnehmen. Testpersonen können zum Beispiel wütende Gesichter schneller identifizieren als glückliche; auch dann, wenn ihnen diese Gesichter so schnell gezeigt werden (für eine zehntel Sekunde oder so), dass sie sie nicht bewusst erkannt haben können, das frühe limbische System mit seinen Kampf-oder-Flucht-Impulsen wird trotzdem von den wütenden Gesichtern aktiviert werden.

 

So geht's

Die Alarmglocke deines Gehirns – die Amygdala (du hast zwei von diesen mandelförmigen Regionen in deinem Kopf) – benutzt ungefähr zwei Drittel seiner Neuronen, um nach schlechten Nachrichten zu suchen: sie ist darauf vorbereitet, negativ zu sein. Wenn der Alarm anschlägt, dann werden negative Ereignisse und Erfahrungen schnell in der Erinnerung aufbewahrt – im Unterschied zu positiven Ereignissen und Erfahrungen, die gewöhnlich für ein Dutzend Sekunden oder länger im Gewahrsein behalten werden müssen, um von kurzfristigen Erinnerungspolstern zu einer langfristigen Erinnerung zu werden.

Deshalb sage ich, dass das Gehirn wie ein Magnet für negative Erfahrungen und wie Teflon für positive Erfahrungen ist. Deshalb haben Forscher herausgefunden, dass Tiere, einschließlich der Mensch, im Allgemeinen schneller aus Schmerzen lernen, als aus Freude.

Das Lernen in unserer Kindheit und im Erwachsensein – sowohl durch das, was du selbst erlebt hast, als auch durch das, was andere um dich herum erlebt haben und das du beobachtet hast – ist in deinem Kopf heute gespeichert und aufbewahrt und bereit für sofortige Aktivierung, ob der Impuls nun von der anderen Seite des Mittagstisches oder von den Fernsehbildern einer Autoexplosion in 10.000 Kilometer Entfernung kommt.

 

Zwei Tipps, die uns helfen

Um unsere Vorfahren am Leben zu erhalten, hat Mutter Natur ein Gehirn entwickelt, dass sie gewohnheitsmäßig getäuscht hat, damit sie drei Fehler machen: Gefahren überschätzen, Möglichkeiten unterschätzen und Ressourcen unterschätzen (um mit Gefahren umgehen und Gelegenheiten nutzen zu können). Das ist eine großartige Möglichkeit, um Genkopien weiterzugeben, aber eine schlechte Möglichkeit, um die Lebensqualität zu erhöhen.

  1. Zum Ersten achte auf das Ausmaß, in dem dein Gehirn konditioniert ist, dich ängstlich zu machen. Es ist so konditioniert, dass du ständig mit einem kleinen Rinnsal der Angst umherläufst (für andere eine Überschwemmung), damit du wachsam bleibst. Und es ist so konditioniert, dass du dich in einem größeren Strom von Informationen auf jede scheinbar schlechte Nachricht fokussierst (dich zum Beispiel auf eine leichtfertige Bemerkung eines Familienmitglieds oder Kollegen fixierst), dass du gute Nachrichten nicht wahrnimmst oder herunterspielst und, dass du über die eine negative Sache an einem Tag nachdenkst, an dem hundert kleine Dinge geschehen sind, von denen 99 positiv oder neutral waren. (Und um sicherzugehen, achte auch auf jede Tendenz, die du vielleicht für rosarote Brillen hast oder dafür, den Kopf in den Sand zu stecken.)
  2. Sei zudem auch achtsam für die Kräfte in deiner Umgebung, die die Alarmtrommel schlagen – egal ob es ein Familienmitglied ist, das emotionale Bestrafung androht, oder Politiker, die über innere und äußere Feinde sprechen. Überlege für dich selbst, ob ihre Ängste gerechtfertigt sind – oder ob sie übertrieben oder grundlos sind und gleichzeitig den größeren Kontext und die Möglichkeiten und Ressourcen herunterspielen oder nicht sehen. Frage dich selbst, welchen Vorteil diese Kräfte daraus ziehen, wenn sie die Alarmtrommel schlagen.

Diese Achtsamkeit für die innere Funktionsweise deines Gehirns und den äußeren Mechanismus der Angstverstärkung kann dich allein schon weniger anfällig für nicht notwendige Angst machen. Dann wirst du nicht mehr so anfällig für die Einschüchterung durch scheinbare „Tiger“ sein, die übertrieben werden oder aus Pappmaschee sind, mit denen man aber in Wirklichkeit gut umgehen kann.

 

Dieser Artikel stammt von Rick Hanson. Er wurde erstmals auf seiner Website rickhanson.net unter dem Titel What makes you feel threatened? veröffentlicht. 

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Wie wir unser Gehirn positiv verändern können

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Freiburg, 31. März – 1. April 2020