Wie wir Selbstkritik in Selbstmitgefühl umwandeln und wieso das gut ist

Christian Fauth im Gespräch mit Christopher Germer

„Ich mag keinem Club angehören, der mich als Mitglied akzeptiert“, schrieb einst der legendäre US-amerikanische Komiker Groucho Marx. Er bringt damit auf humorvolle Weise auf den Punkt, was Wissenschaftler heute immer wieder feststellen: Die Einstellung der meisten Menschen zu sich selbst, ist oft wenig wohlwollend oder liebevoll. Stattdessen überwiegen Selbstkritik und Selbstablehnung. Warum dies so ist und wie ein mitfühlender Umgang mit sich selbst hilft, gesünder und zufriedener zu leben, darüber sprachen wir mit dem Psychologen Dr. Christopher Germer von der Harvard Medical School in Boston.

Frau Spiegel Gesicht

Fitness-Studios und „Body Building“ erfreuen sich großer Beliebtheit. Meditation und die Beschäftigung mit der Psyche im Sinne einer „Seelenbildung“ genießen hingegen eine vergleichsweise geringe Anerkennung oder rufen gar Widerstand und Ablehnung hervor. Leben wir in einer High Tech Gesellschaft, in der die Dimension des Seelischen und Nicht-Materiellen sträflich vernachlässigt oder gar ausgeblendet wird?

Das ist eine interessante Frage. Ich erinnere mich, dass ich 1977 in Indien den Satz hörte: „Der Westen fertigt Maschinen, der Osten Menschen.“ Heute scheint es überall in der Welt so zu sein, dass wir uns vor allem auf die Technologie verlassen, um unsere Probleme zu lösen. Und, wie Sie nahelegen, wissen wir heute im Allgemeinen besser über die Bildung unserer Muskeln Bescheid als über die unserer Gefühle. Die Ausbildung und Pflege von Mitgefühl zum Wohle des Einzelnen wie zum Wohle der ganzen Gesellschaft ist ein fester Bestandteil im Lehrgebäude fast aller Religionen. Heute leben wir aber in einer in hohem Maße säkularisierten Welt, so dass die Heilkraft dieser alten Lehren in vielen Bereichen nicht mehr wirksam ist. Vor diesem Hintergrund sind Meditation und Psychotherapie sinnvolle Praktiken, die dabei helfen, die eigene Persönlichkeit zu entwickeln, denn sie stellen einen wissenschaftlich untermauerten Weg zu emotionalem Wohlbefinden dar.

Ist die Art der Wahrnehmung oder des Bewusstseins, die man während einer Meditation praktiziert und trainiert, so etwas wie ein sechster Sinn, mit dem wir unsere eigenen Gefühle und Gedanken besser wahrnehmen können?

Es gibt viele verschiedene Arten von Meditation. Einige sind beispielsweise speziell darauf ausgerichtet, den Meditierenden über seine herkömmlichen Sinneswahrnehmungen hinauszuführen und ihn mit Gott zu verbinden. Andere Techniken, wie etwa die Achtsamkeitsmeditation, kultivieren die Wahrnehmung sowohl innerer als auch äußerer Erfahrungen. In der buddhistischen Psychologie wird die Wahrnehmung mentaler Inhalte – wie Absichten, Gefühle, Gedanken, bildhafte Vorstellungen – als sechster Sinn betrachtet. Wenn wir lernen wollen, ein glückliches Leben zu führen, ist der erste Schritt auf dem Weg dorthin, unsere „innere Landschaft“ wahrzunehmen.

Aber hindert uns nicht unser moderner, westlicher Lebensstil mit seinem rasanten Tempo, seinen hoch geschraubten Erwartungen und zahllosen Ablenkungsmöglichkeiten daran, uns mit unserem sechsten Sinn zu befassen und ihn durch regelmäßiges Training auszubilden?

In der Tat ist es schwierig zu wissen, was in uns vor sich geht, wenn wir vor allem damit beschäftigt sind, die von außen an uns herangetragenen Aufgaben zu erfüllen und die tägliche Informationsflut zu verarbeiten. In gewisser Weise leiden wir heutzutage alle an einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Unsere Aufmerksamkeit springt von der einen zur nächsten Sache, während wir versuchen, die vielen verschiedenen Aufgaben zu erfüllen, die jeden Tag an uns gestellt werden. Die Fähigkeit, eine einzige Sache für eine längere Zeit fest im Auge zu behalten – also sich zu konzentrieren – wird durch Meditation gefördert. Und Konzentration wirkt beruhigend auf unseren Geist. Sie können es mit einem Fotografen vergleichen, der seine Kamera ruhig halten muss, um ein scharfes Bild zu machen. Wenn unser Geist hin und her hüpft, können wir unsere Gefühle und Gedanken nicht klar wahrnehmen.

In Ihrem Buch Der achtsame Weg zum Selbstmitgefühl beschreiben Sie ein 30-Tage-Programm, in dem man lernt sich selbst mit mehr Mitgefühl und Liebe zu begegnen. Was unterscheidet Ihr Buch von den vielen anderen Büchern, die ein besseres Leben versprechen?

Mein Buch setzt bei „Selbstakzeptanz“ an. Es geht also weniger darum, sich selbst zu „verbessern“. Der Psychologe Carl Rogers hat einmal gesagt: „Das merkwürdige Paradox des Lebens ist: Erst wenn ich mich akzeptiere, so wie ich bin, kann ich mich ändern.“ Die meisten von uns akzeptieren sich selbst instinktiv nicht so wie sie sind. Mein Buch beginnt daher gewissermaßen ganz am Anfang. Die Psychologin Kristin Neff, Professorin an der Universität von Texas, und ich haben übrigens gerade ein achtwöchiges Programm zum Thema Selbstmitgefühl entwickelt. Dieses biete ich im Sommer in Deutschland in Form von fünftägigen Intensivfortbildungen über die Firma Arbor Seminare an. Die Kurse richten sich sowohl an Menschen, die beruflich mit dem Thema zu tun haben, wie zum Beispiel Psychologen oder Sozialpädagogen, als auch an Privatpersonen. Interessierte, die englisch sprechen, können auf Kristin Neffs Website self-sompassion.org oder auf meiner Website MindfulSelfCompassion.org kostenlos Meditationen zum Selbstmitgefühl und Unterrichtsmaterial herunterladen.

Warum sollte ich mich selber mögen?

Warum nicht? Wir alle sind mit dem Wunsch geboren, glücklich und frei von Leiden zu sein. In unserer frühen Kindheit und durch die Kultur, in der wir leben, erhalten wir jedoch immer wieder Botschaften, die uns zu verstehen geben, dass wir nicht gut genug sind. Mit der Zeit lernen wir daher uns selber nicht sonderlich zu mögen. Besonders, wenn in unserem Leben etwas schief läuft – wenn wir leiden, versagen oder uns einer Aufgabe nicht gewachsen fühlen – neigen wir alle dazu, uns selbst zu kritisieren, uns vor Scham zu verkriechen und unsere Wahrnehmung auf unser Ich zu begrenzen. Wenn wir uns selbst mögen, sind wir eher in der Lage, ein Problem aus einem breiteren Blickwinkel zu betrachten. Die Forschung zeigt, dass Menschen mit viel Mitgefühl mit sich selbst, weniger maßlos sind. Sie geben eher Fehler zu und arbeiten härter daran, sie nicht zu wiederholen. In den vergangenen acht Jahren haben viele wissenschaftliche Studien gezeigt, dass Selbstmitgefühl eine Schlüsselrolle bei emotionalem Wohlbefinden zukommt. Eines der am häufigsten bestätigten Forschungsergebnisse ist beispielsweise, dass ein ausgeprägtes Selbstmitgefühl einhergeht mit weniger Angstgefühlen und Depressionen.

Was ist eigentlich Selbstmitgefühl?

Hier hilft es, sich einmal zu vergegenwärtigen, was Selbstmitgefühl nicht ist. Es ist nicht Selbstmitleid: Wenn wir uns mitfühlend unserem Schmerz zuwenden, dann bedeutet das nicht, in ihm zu schwelgen, sondern sich aus der Verstrickung mit ihm zu lösen. Es ist nicht Selbstsucht, sondern der erste Schritt zu mehr Mitgefühl mit anderen.

Der Dalai Lama sagt: „Damit jemand im Stande ist, wahrhaft Mitgefühl gegenüber anderen zu entwickeln, benötigt er oder sie zunächst eine Grundlage, auf der Mitgefühl kultiviert werden kann. Diese Grundlage ist die Fähigkeit, mit seinen eigenen Gefühlen verbunden zu sein und für sein eigenes Wohlergehen zu sorgen. (…) Fürsorge für andere setzt Fürsorge für sich selbst voraus.“

Selbstmitgefühl ist nicht selbstgefällig. Vielmehr ist es Willenskraft und guter Wille. Es verlangt Mut. Es ist nicht Schöne-Welt-Spielen. Stattdessen sind wir offener für unseren Schmerz und weichen ihm nicht aus. Es ist nicht anstrengend – denn wir kämpfen weniger, nicht mehr. Einer meiner Patienten sagte einmal: „Das ist ja einfach, denn es hat nichts mit Kampf zu tun.“ Und wir sind auch nicht länger vor unseren Erfahrungen auf der Flucht.

Warum reagieren wir, wenn wir einen Fehler machen, oft mit Selbstkritik?

Wenn etwas schief geht, dann fühlen wir uns bedroht. Die übliche Reaktion auf eine äußere Bedrohung ist zu kämpfen, zu fliehen oder sich tot zu stellen. Haben wir es nun aber mit einer Bedrohung zu tun, die sich eher in unserem Inneren abspielt, richten wir scheinbar dasselbe Reaktionsmuster gegen uns selbst. An die Stelle von „kämpfen“ tritt dann Selbstkritik, an die von „Flucht“ Selbstisolation, z.B. indem wir innerlich erstarren, unsere Gefühle nicht mehr wahrnehmen, uns durch immer mehr Arbeit ablenken oder zu Suchtmitteln greifen. An die Stelle von „Sich-tot-stellen“ tritt Grübelei, d.h. wir sitzen quasi in unserem Kopf fest und drehen uns nur noch um unsere eigenen Gedanken.

Was kann mir mein Körper über meine Gefühle mitteilen und wie kann mir die Wahrnehmung dessen, was ich in meinem Körper spüren kann, dabei helfen mit besser mit schwierigen Gefühlen umzugehen?

Der berühmte irische Schriftsteller James Joyce schreibt in The Dubliners über die Figur Mr. Duffy: „Er lebte ein wenig neben seinem Körper, die eigenen Handlungen mit zweifelnden Seitenblicken verfolgend.“ Wenn wir leiden, neigen wir dazu, der leidvollen Erfahrung aus dem Weg zu gehen oder uns vor ihr zu verschließen – wir sind dann, ähnlich wie Mr. Duffy, nicht wirklich bei uns. Fühlen wir also emotionalen Schmerz oder körperlichen Stress, versuchen wir unsere Gefühle auf irgendeine Weise zu betäuben, oft indem wir uns ganz in unsere Gedanken zurückziehen und grübeln, etwa in der Art: „Warum trifft es ausgerechnet mich?“

Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass körperlicher Stress und emotionaler Aufruhr abnehmen, wenn unser Geist zwanghaft nur noch um einen Gedanken kreist. Das funktioniert tatsächlich! Auf Dauer gesehen müssen wir uns aber den Schwierigkeiten unseres Lebens stellen, d.h. sie wahrnehmen, wenn sie da sind, und dann entsprechend handeln. Indem wir trainieren, unseren Körper achtsam wahrzunehmen, können wir besser mit schwierigen Gefühlen umgehen.

Wie geht das?

Gefühle haben eine körperliche Seite und eine mentale. Es ist schwierig unseren Gedanken hinterher zu jagen, aber unser Körper ist langsam. Wir können durch unsere Reaktion auf die körperlichen Merkmale eines Gefühls (wie etwa Anspannung des Magens oder Nackens, Herzklopfen) das Gefühl beeinflussen und verändern. Wenn ich beispielsweise Angst habe und die Nackenmuskeln entspanne, nimmt die Angst ab.

Hilft uns Selbstmitgefühl auch dabei, mit leidvollen Erfahrungen umzugehen, etwa mit den Einschränkungen, die das Alter mit sich bringt?

Altern ist mit vielen Schwierigkeiten verbunden, wie körperlicher Schmerz, Verlangsamung geistiger Prozesse, der Verlust eines jugendlichen Äußeren, körperliche Einschränkungen, geringere finanzielle Ressourcen und oft auch Einsamkeit. Nach Kristin Neff, Professorin für Psychologie an der Universität von Texas, besteht Selbstmitgefühl aus drei Komponenten: Freundlichkeit zu sich selbst (im Gegensatz zu Selbstkritik), das Gefühl, Teil der Menschheitsgemeinschaft zu sein (im Gegensatz zu Selbstisolation), und Achtsamkeit (im Gegensatz zu Selbstbezogenheit).

All die Schwierigkeiten, die mit dem Altern verbunden sind, können ein Grund dafür sein, sich selbst zu kritisieren oder gar zu hassen und so den bereits vorhandenen Stress zu vergrößern. Selbstmitgefühl hilft uns dabei, uns auch im Alter mit Freundlichkeit zu begegnen. Darüber hinaus öffnet es den Blick dafür, dass wir den Weg des Alterns nicht alleine gehen, sondern dass jeder altert. Und schließlich hilft uns Selbstmitgefühl, unsere Gedanken nicht immer nur um uns selbst kreisen zu lassen, sondern uns – bis zum Augenblick unseres Todes – auf das in unserem Leben zu konzentrieren, was neu und frisch und interessant ist.

Wie können Eltern und Lehrer Kindern dabei helfen, Selbstmitgefühl zu entwickeln?

Der beste Weg, Kindern Selbstmitgefühl beizubringen, ist ihnen darin ein Vorbild zu sein – beispielsweise, indem ich meinem Kind, wenn es leidet, freundlich und mitfühlend begegne und ich auch zu mir selbst mitfühlend bin. Vater oder Mutter zu sein, ist eine sehr schwierige Aufgabe. Mütter denken beispielsweise oft, dass sie, wenn sie keinen Stress empfinden, sich höchstwahrscheinlich nicht gut genug um ihr Kind kümmern und es später einmal darunter zu leiden hat. Selbstmitgefühl lehrt Eltern, dass sie zunächst für sich selbst gut sorgen müssen, damit sie gut für andere sorgen können – auf diese Weise sind sie ihren Kindern ein gutes Vorbild.

Lässt uns Selbstmitgefühl unser Leben intensiver genießen?

Die Forschung zeigt in überwältigender Weise, dass Selbstmitgefühl der Boden ist, auf dem Glück und emotionales Wohlbefinden gedeihen können. So gibt es eine unmittelbare Verbindung zwischen Selbstmitgefühl und vielen Aspekten von Glücklichsein und Wohlergehen, wie zum Beispiel emotionale Intelligenz, Bewältigung von Gefühlen, Klarheit über Gefühle, weniger Grübelei und Verdrängung von Gedanken, Selbstständigkeit, Kompetenz, weniger Perfektionismus, Gefühle der sozialen Verbundenheit und Lebenszufriedenheit und die innere Motivation zu lernen und zu wachsen.

Wie der Dalai Lama sagt: „Wenn Du glücklich sein möchtest, übe Dich in Mitgefühl. Wenn Du andere glücklich machen möchtest, übe Dich in Mitgefühl.“ Im buddhistischen Weltbild bedeutet Mitgefühl sowohl das Mitgefühl für andere als auch das für sich selbst. In einem Raum sollten wir allen mit Freundlichkeit begegnen, nicht nur den anderen.

Bedingen dann Mitgefühl zu anderen und Mitgefühl zu sich selbst einander?

Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass man durchaus Mitgefühl mit anderen, aber nicht mit sich selbst haben kann. So gibt es zum Beispiel viele Menschen, die Kindern oder Haustieren gegenüber sehr mitfühlend sind, nicht aber zu sich selbst. Doch wenn es darum geht, gegenüber vielen unterschiedlichen Menschen mitfühlend zu sein, dann gelingt dies nur, wenn wir auch für uns selbst Mitgefühl empfinden, insbesondere dann, wenn wir mit schwierigen Gefühlen in uns zu tun haben, wie etwa Kummer, Wut, Angst, Neid oder Gier. Das bedeutet nicht, dass wir negative Gefühle pflegen sollen, sondern dass wir einfach akzeptieren können, dass es diese Gefühle gibt und wir alle nun mal Menschen sind und uns wie solche verhalten.

In menschlichen Beziehungen – ob in der Familie oder am Arbeitsplatz – gibt es immer wieder einmal Phasen, in denen man miteinander streitet oder sich von einander entfernt. Wie kann man durch eine solche Phase gehen und wieder zu einem guten Verhältnis zurückfinden?

In solchen Zeiten können die drei Komponenten des Selbstmitgefühls weiterhelfen: Achtsamkeit, Verbundenheit – im Sinne von: „Ich bin ein Teil der Menschheit“ – und Freundlichkeit zu sich selbst. Wenn Sie sich gerade in einer Konfliktsituation befinden, können Sie ja einmal die folgende Übung ausprobieren und schauen, wie sie sich auf Ihre Beziehung auswirkt.

Wenn Sie in sich leidvolle Gefühle wahrnehmen, sprechen Sie zunächst freundlich zu sich selbst und sagen: „Dies ist ein Augenblick des Leidens“ (Achtsamkeit), „Leid ist ein Teil des Lebens“ (Verbundenheit). Dann legen Sie eine Hand auf Ihr Herz und fühlen die Wärme, den Druck, den Ihre Hand ausübt und sagen zu sich selbst: „Möge ich zu mir selbst freundlich sein“ (Freundlichkeit). Und nun wählen Sie einen Satz aus, der zu Ihrer gegenwärtigen Situation passt, wie zum Beispiel: „Möge ich mich annehmen, so wie ich bin. Möge ich mich für diesen Augenblick lieben so wie ich bin. Möge ich mir das Mitgefühl geben, das ich jetzt brauche. Möge ich mir vergeben. Möge ich frei sein von Furcht. Möge ich frei sein von Schamgefühl. Möge ich geborgen sein. Möge ich unbeschadet diesen Schmerz überstehen. Möge ich Frieden in meinem Herzen finden. Möge ich stark sein. Möge ich mich selbst beschützen. Möge ich lernen gelassen und gut zu leben.”

In wissenschaftlichen Studien wurden Menschen mit ausgeprägtem Selbstmitgefühl von ihren Partnern als Menschen beschrieben, die in besonderer Weise emotional bindungsfähig sind, wenig Kontrolle über andere ausüben und ein niedriges Aggressionspotenzial haben. Menschen mit Selbstmitgefühl erleben Beziehungen als erfüllender und spüren eine größere Sicherheit in der Verbundenheit zum Partner. Zudem erfahren sie sich selbst in höherem Maße als authentisch und sind in Konflikten eher in der Lage, Kompromisse einzugehen.

Warum sind Beziehungen zu anderen Menschen oft so schwierig?

Emotional schmerzvolle Erfahrungen und Phasen, in denen man keine oder nur eine geringe emotionale Verbundenheit zum Partner spürt, sind ein fester Bestandteil jeder Beziehungen. Jeder von uns leidet, wenn wir uns einsam und ungeliebt fühlen, und wenn wir in dem, was wir tun und wünschen, nicht beachtet werden. Zu Gefühlen mangelnden Verbundenseins in einer Beziehung kommt es, aufgrund unterschiedlicher familiärer oder kultureller Hintergründe, unterschiedlicher Gene, Bedürfnisse und Erwartungen sowie der Tatsache, dass die Partner zumeist auch unterschiedlichen Geschlechts sind.

Wenn unterschiedliche Wünsche und Bedürfnisse aufeinanderprallen, ist ein schmerzvolles Gefühl von Unverbundenheit ganz natürlich. Wenn wir Selbstmitgefühl haben, wissen wir, dass jede Beziehung auch solche Momente kennt und dass wir sie mit Offenheit und Freundlichkeit erforschen und aufeinander zugehen können. Natürlich gibt es auch Beziehungen, in denen ein Partner unterdrückt oder gar misshandelt wird. In solchen Fällen bedeutet selbstmitfühlendes Handeln in der Regel, die Beziehung zu beenden. Selbstmitgefühl kann manchmal hart und kämpferisch sein und manchmal sanft und nachgiebig.

Generell lässt sich aber sagen, dass es ein fester Bestandteil unserer Natur ist, dass wir uns darum sorgen, was andere von uns denken, und dass es uns schmerzt, wenn wir mit anderen Menschen nicht klar kommen. Schon Charles Darwin, der Begründer der Evolutionstheorie, sagte, dass gemeinschaftlich agierende Gruppen die größten Überlebenschancen haben.

Wenn man etwas Furchtbares erlebt hat – etwa den Tod eines geliebten Menschen – und keinen Boden mehr unter den Füßen spürt, dann wäre es sicherlich sehr hilfreich, für sich selbst wie ein liebvoller Freund zu sorgen. Wie aber soll das gehen, wenn der Schmerz zu groß ist und einen überwältigt?

Das ist eine wichtige Frage. Achtsamkeit und Selbstmitgefühl sind Stärken, die uns die Kraft geben, unser Leid anzusehen, aber manchmal ist das Leid dafür einfach zu groß. Dann bedeutet mitfühlend zu sich selbst zu sein, sich erst einmal vom Leid abzuwenden. Beispielsweise ist es nach einem traumatischen Ereignis oft hilfreich, für einige Zeit nicht daran zu denken, bis man wieder Boden unter den Füßen spürt. Wenn etwas schief läuft, gibt es drei Fragen, die wir uns stellen können: „Was brauche ich jetzt, in diesem Augenblick? Wie sorge ich bereits für mich selbst? Kann ich mir all dies inmitten meines Leidens geben?“ In der Regel können wir für uns auf fünf verschiedenen Gebieten sorgen:

- Körperlich:
Lösen Sie Verkrampfung und versuchen Sie sich zu entspannen, z.B. durch eine vertiefte Atmung, ein warmes Bad, das Streicheln Ihres Haustieres, Lockern der Bauchdecke, Gymnastik, Sex oder einen kurzen Schlaf.

- Mental:
Kämpfen Sie nicht gegen Ihre Gedanken an, sondern erlauben Sie ihnen zu kommen und wieder zu gehen; z.B. mit Hilfe von Konzentrations- und Achtsamkeitsmeditation oder indem Sie das Geschehene im Lichte der Vergänglichkeit aller Dinge und der eigenen Sterblichkeit bedenken oder beten („Dein Wille geschehe“).

- Emotional:
Freunden Sie sich mit Ihren Gedanken an und hören Sie auf, sie zu meiden, z.B. indem Sie sich vorstellt, was wohl Ihr bester Freund jetzt sagen würde, Sie beruhigende Musik hören, sich selbst und anderen vergeben oder meditieren.

- Sozial:
Isolieren Sie sich nicht, sondern halten Sie Kontakt zu anderen, z.B. indem Sie sich mit jemanden zum Essen treffen, für einen guten Zweck aktiv werden, sich bei einem alten Freund für dessen Treue bedanken oder auch durch eine mitfühlende Meditation.

- Spirituell:
Machen Sie sich Ihre höheren Werte bewusst und hören Sie auf, sich nur mit sich selbst zu beschäftigen, z.B. durch Meditation oder Gebete, einen Spaziergang in der Natur, indem Sie spontan zu jemand Unbekannten freundlich sind oder mit jemandem über Ihren Glauben sprechen.

Manch einer hat nie gelernt, mit seinen Gefühlen in der Art und Weise umzugehen, wie es die Praxis des Selbstmitgefühls verlangt. Welchen Rat haben Sie für diese Menschen, damit sie offener für ihre eigenen Gefühle werden?

Selbstmitgefühl verlangt von uns keinerlei Vorleistung. Wir beginnen dort, wo wir sind. Es ist in Ordnung kein Innenleben zu haben oder die eigenen Gefühle nicht zu verstehen. Die einzige Voraussetzung ist der Wunsch zu wissen, dass wir leiden, während wir leiden. Wenn wir einmal festgestellt haben, dass wir gerade leiden („Dies ist ein Augenblick des Leidens. Autsch!“), können wir beginnen, uns um uns selbst zu sorgen und zu trösten. Und in dem wir dies tun, beginnen wir unser eigenes Gefühlsleben mit offenen Augen zu sehen, denn wir entwickeln dadurch die Fähigkeit und das Selbstvertrauen, mit allen Gefühlen, die in uns sind, umgehen zu können. Es ist ein ganz natürlicher Prozess, der sich von selbst entfaltet.

Ist es nicht oft gerade Leid, das einen Menschen dazu bringt, etwas in seinem Leben zum Besseren zu verändern?

Natürlich ist Leid nicht per se nur eine schlechte Sache und wir werden es nie schaffen, Leid ganz aus unserem Leben zu verdrängen. Die entscheidende Frage ist, ob wir unser Leiden durch die Art und Weise, wie wir mit ihm umgehen, noch vergrößern. Das heißt, können wir uns selbst besänftigen und Trost spenden, wenn wir leiden, anstatt uns dafür auch noch zu kritisieren? Oder schaffen wir es zum Beispiel, uns selbst aus einer schlechten Lage zu befreien?

Beim Selbstmitgefühl geht es darum, dass wir uns selbst motivieren, indem wir freundlich zu uns sind und uns Mut machen und nicht, indem wir uns kritisieren. Wenn wir es schaffen im Leid eine positive Grundeinstellung zu bewahren – beweglich, entspannt, offen und kreativ –, dann sind wir eher im Stande, aus leidvollen Erfahrungen etwas zu lernen, dann ist unser Leid nicht auch noch nutzlos.

Können Worte heilen?

Wir alle, denke ich, haben schon einmal Worte gehört, die uns zutiefst verletzt haben und die für uns noch lange, nachdem beispielsweise ein Knochenbruch verheilt wäre, schmerzvoll sind. Der größte Teil unseres emotionalen Schmerzes ist in Beziehungen zu anderen Menschen entstanden und kann in Beziehungen auch wieder Linderung erfahren. Hinzu kommt, dass die Beziehungen die wir zu anderen Menschen haben, meist sprachlicher Natur sind, so auch unsere Beziehung zu uns selbst.

Wenn wir immer und immer wieder freundliche Worte an uns selbst richten, wie wir das in einer Selbst-Mitgefühls-Meditation tun, dann nehmen wir mehr und mehr eine wohlwollende Haltung uns selbst gegenüber ein. Wenn wir uns selbst gegenüber Wohlwollen äußern, dann fühlen wir uns manchmal gut dabei, manchmal nicht und wieder ein anderes Mal fühlen wir gar nichts. Mit der Zeit aber verwandelt sich Wohlwollen unvermeidlich in gute Gefühle. Sich gut zu fühlen und alte Wunden zu heilen, sind natürliche Nebenwirkungen, wenn wir uns in Warmherzigkeit üben. Durch die Praxis des Selbst-Mitgefühls wird unsere innere Stimme, die uns ständig begleitet, warmherzig und freundlich.

Herr Dr. Germer, herzlichen Dank für das Interview!

Das Interview führte Christian Fauth für die R+V Betriebskrankenkasse. Es ist in der BKKiNFORM und auf ruv-bkk.de sowohl in deutscher, als auch englischer Sprache erschienen.

Wir danken der ruv-bkk für die Abdruckgenehmigung dieses Interviews.

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