Rachel Naomi Remen

Den Weg finden

Von der Schönheit des Lebens ermutigt, in die Welt herauszukommen
Den Weg finden von Rachel Naomi Remen

Manchmal denke ich, dass es eine ganz besondere Verbindung zwischen Großeltern und Enkelkindern gibt, und dann erinnere ich mich an eine Geburt, die ich vor langer Zeit miterlebte. 

Der Vater des Kindes, ein aus Mexiko eingewanderter Amerikaner, war Doktorand an der Universität, an der ich arbeitete. Er hatte eine Studentin geheiratet, eine junge Frau aus Boston, deren Familie schon seit Generationen im Lande war. Es war ihr erstes Kind, und sie wollten ihm die bestmögliche medizinische Betreuung zukommen lassen. Die Universitätskliniken waren darauf eingestellt, so etwas zu leisten. Das junge Paar hatte gemeinsam an Kursen zur Geburtsvorbereitung teilgenommen und danach auch gemeinsam Kurse in Säuglingspflege absolviert. Sie waren gut vorbereitet und wir vom Krankenhaus waren es auch – das ganze Arsenal der modernen Geburtshilfe und Kinderheilkunde stand bereit.

 Aber die Dinge liefen nicht optimal. Die Wehen waren lang und schwierig, und nach vielen Stunden boten die Geburtshelfer dem Paar einen chirurgischen Eingriff an. Doch die junge Frau hatte Angst vor einem Kaiserschnitt und lehnte ihn ab. Wieder vergingen Stunden, und inzwischen hatten die Geburtshelfer mich als Kinderärztin zur Beratung hinzugezogen. Ich entschloss mich, der Frau noch einmal zu einem Eingriff zu raten. Doch trotz ihrer Erschöpfung, ihrer Schmerzen und des Drängens ihres Mannes ließ die junge Mutter sich nicht erweichen. Sie wollte auf keinen Fall einen Eingriff. Sie hatte zuviel Angst. Eine weitere Stunde verging ohne große Fortschritte und in seiner Verzweiflung rief der junge Mann seine Schwiegermutter an der Ostküste an und bat sie, mit Jennifer, seiner Frau, zu sprechen und sie zu der Operation zu ermuntern. Während die beiden miteinander sprachen, ging er hinaus in das Wartezimmer, um seinem eigenen Vater zu berichten, was los war. 

 

Und sie nahm noch einmal all ihre Kräfte zusammen

Obwohl er schon vor vielen Jahren von Mexiko nach Kalifornien gekommen war, sprach Michaels Vater kaum Englisch. Er war ein sehr bodenständiger Mann, kräftig und mit wettergegerbter Haut. Zuerst war er als Saisonarbeiter in der Landwirtschaft in die Staaten gekommen, dann hatte er sich mit Hilfe seines Sohnes eine kleine Farm im Santa-Clara-Tal kaufen können. Michael war sein ältester Sohn. Er hatte schon viele Stunden im Wartezimmer gesessen und auf die Geburt seines ersten Enkelkindes gewartet. 

Er hörte sich aufmerksam an, was Michael ihm berichtete, und sein Gesicht wurde ernst und nachdenklich. Dann nickte er, sagte einige Worte in Spanisch zu seinem Sohn und legte ihm den Arm um die Schulter. Ich bemerkte, dass Michael sich etwas entspannte. Wir gingen zurück in den Kreißsaal, wo Jennifer inzwischen das Gespräch mit ihrer Mutter beendet und sich endlich doch entschlossen hatte, den Kaiserschnitt ausführen zu lassen. 

Ihr standen Tränen in den Augen, und sie hatte sich erschöpft in ihr Bett zurückfallen lassen. Das Geburtshilfeteam ging, den Operationssaal für den Kaiserschnitt vorbereiten, und ich ging zwei Stockwerke höher in mein Büro, nicht ohne dem Team zu sagen, dass ich bei der Operation dabeisein wollte, um mich dann um das Kind kümmern zu können. Ich war kaum an meinem Schreibtisch angekommen, da erhielt ich schon einen Anruf von Jennifers Geburtshelfer. Bevor man sie in den Operationssaal hatte bringen können, hatte Jennifer noch einmal all ihre Kräfte zusammengenommen, und mit dreifachem mächtigen Pressen ihr Baby zur Welt gebracht. 

 

Die Schönheit des Landes, die Schönheit des Lebens und die Liebe zur Familie

„Allen geht es gut“, sagte der Geburtshelfer, und über das Telefon konnte ich das Kind schreien hören. Es war ein Junge. 
Später fragte ich Michael, was seiner Meinung nach geschehen war. Er meinte, die Geburtshelfer hätten ihm mehrere Erklärungen angeboten, aber er glaube, es habe etwas mit seinem Vater zu tun. Als er meinen überraschten Gesichtsausdruck sah, sagte er mit einem Lächeln: „Mein Vater ist ein ungewöhnlicher Mann.“ 

Als er wieder hinausgegangen und seinem Vater berichtet hatte, das Kind sei ohne Operation zur Welt gekommen, hatte sein Vater nur gelächelt und genickt. „Da war zuviel Angst“, hatte er ihm gesagt. Er hatte von der Angst seiner Schwiegertochter erfahren, und er hatte ebenfalls die Angst seines Sohnes Michael gespürt. Deshalb wusste er, dass auch das Kind Angst hatte. Also hatte er, allein im Wartezimmer sitzend, im Geist mit seinem Enkelkind gesprochen und es dazu ermutigt, in die Welt herauszukommen. 

Er hatte dem Kind seine eigenen Erinnerungen an die Schönheit des Landes vor Augen geführt, an die Sonnenaufgänge und Abenddämmerungen, an die Früchte auf den Feldern und an reiche Ernte. Er hatte dem Kind erzählt, dass er sich darauf freue, mit ihm zusammen über dieses Land zu gehen. Er hatte von der Schönheit des Lebens, von Freundschaft, Lachen und guter Arbeit erzählt. Und schließlich hatte er von seiner Liebe zur Familie gesprochen. Er hatte sich an seinen eigenen Vater in Mexiko erinnert und an seine Frau, die beide schon gestorben waren. Und er hatte von einem der Onkel des Kindes nach dem anderen gesprochen, von seinen Söhnen, und davon, wie gut und stark sie waren. Er hatte dem Kind erzählt, wie stolz er auf sie war und auf die Frau, die er geheiratet hatte. Er hatte ihm von Weihnachten und Geburtstagen und Hochzeiten erzählt und davon, wie dankbar alle in der Familie über das Leben der anderen waren. Er hatte dem Kind sein Herz ausgeschüttet. Und es war herausgekommen. 

Im Lauf der Jahre habe ich viele Geburten miterlebt, als Kinderärztin oder Beraterin, als Familienmitglied oder Freundin. Und manchmal rate ich den Eltern während der Wehen, wie der alte Mexikaner Kontakt mit ihrem ungeborenen Kind aufzunehmen und dem Kind im Geiste Bilder von der Schönheit der Welt und ihre Liebe zum Leben zu zeigen, um das Kind in diesem schwierigen Durchgang zu ermutigen. 

 

Dieser Artikel stammt aus dem Buch Aus Liebe zum Leben von Rachel Naomi Remen.