Über die universelle Kraft der Achtsamkeit

Interview mit Jon Kabat-Zinn
Wie bewegen wir uns hin zu einer achtsamen Gesellschaft?

Als Begründer der „Mindfulness Based Stress Reduction“ (MBSR, Stressbewältigung durch die Praxis der Achtsamkeit) hat Jon Kabat-Zinn hunderttausenden Menschen den Nutzen der Meditationspraxis deutlich gemacht und eine Bewegung inspiriert, die unsere Gesellschaft auf vielfältige Weise verändert. In diesem ausführlichen Interview, das Barry Boyce von der „Shambhala Sun“ mit ihm im März 2010 geführt hat, beschreibt er die Philosophie und die Ziele der Achtsamkeitsbewegung.

Himmel Blätter Baum Ahorn Achtsamkeit

"Wenn wir Achtsamkeit in der einen oder anderen Situation lehren, dann muss sie zuerst wirklich in unserer eigenen ganz persönlichen Erfahrung verankert sein. Sie muss verankert sein in der Demut und im Nicht-Wissen, in einer Offenheit allen Möglichkeiten gegenüber, aber auch in einem tiefen Einblick in sich selbst und in andere. Da wir alle Zugang dazu haben, ist es nicht wirklich etwas Außergewöhnliches oder eine spezielle persönlicher Errungenschaft."

Geht Achtsamkeit über das einfache Kultivieren unserer Aufmerksamkeit hinaus?

Achtsamkeit verspricht letztendlich bei weitem mehr, ist weit tiefgründiger. Sie hilft uns zu verstehen, dass das gewohnte Bild von uns selbst und auch das, was für uns „Selbst“ bedeutet, in höchstem Maße unvollständig ist. Achtsamkeit hilft uns zu erkennen, wie und warum wir die Wirklichkeit einer von uns erschaffenen Geschichte missverstehen und sie ermöglicht es dann, einen Weg hin zu besserer geistiger Gesundheit, Wohlbefinden und Lebensaufgabe einzuschlagen.

Wenn wir dieses Verständnis nun zugrunde legen, wie würden Sie die zentrale Aufgabe Ihrer Arbeit beschreiben?

Im zweiten Teil von „Zur Besinnung kommen“ spreche ich ausführlich über den Begriff Dharma und erkläre ihn sowohl im Hinblick auf die Lehren Buddhas (oft als Buddha-dharma bezeichnet) als auch darauf, wie die Dinge sind – also auf die fundamentalen Gesetzmäßigkeiten des Universums. Obwohl also Buddha das Wort „Dharma“ formulierte ist dieses Wort selbst genauso wenig buddhistisch wie das Gesetz der Schwerkraft wegen Newton englisch oder wegen Galilei italienisch ist. Es beschreibt eine universelle Gesetzmäßigkeit. Bei der 13. Mind+Life-Konferenz in Washington D.C. habe ich Seine Heiligkeit, den Dalai Lama, ganz gezielt danach gefragt, ob es irgendeinen grundlegenden Unterschied zwischen Buddhadharma und dem universellen Dharma gäbe und er sagte „Nein“.

Die zentrale Mission meiner Arbeit und der meiner Kollegen im „Center for Mindfulness“ besteht darin, zum Wohle so vieler Menschen wie möglich dem universellen Dharma den Weg in den Mainstream der menschlichen Aktivitäten zu bereiten. Dies ist eine sehr große Herausforderung, daher habe ich mich von Beginn an sehr bewusst dazu entschlossen, es als geeignetes Mittel in der Medizin und in der Gesundheitsfürsorge zu verankern. Ich war der Meinung, dies wäre der fruchtbarste Weg, auf dem man in einer hoffentlich authentischen und bedeutsamen Form Meditation, Weisheit und das Mitgefühl des Dharma in seinen universellen Aspekten einem breiteren Publikum zugänglich machen könnte. Schließlich wirken Krankenhäuser in unserer Gesellschaft wie Dukkha-Magneten. Gibt es also einen idealeren Ort für die Lehren des Leidens und der Beendigung des Leidens, um sie Menschen in einer Form näher zu bringen, in der sie darüber räsonieren und sie sich zu eigen machen können?

In diesem Jahr haben wir das 30jährige Jubiläum der Gründung der Stress Reduction Clinic an der medizinischen Fakultät der Universität von Massachusetts begangen. Die ursprüngliche Vision hat in gewissem Sinne Früchte getragen, denn MBSR hat in der Tat in Krankenhäusern, Kliniken und Forschungseinrichtungen auf der ganzen Welt Eingang gefunden. MBSR wird erforscht, in Kliniken angeboten und man experimentiert auf eine Weise damit, die noch vor 30 Jahren praktisch undenkbar war. Ich denke, dies liegt daran, dass die Welt sich nach einer authentischen Erfahrung sehnt, die die gewohnten, uns selbst auferlegten Begrenzungen – durch kulturelle Traditionen, Ideologien, Glaubenssysteme und so weiter – transzendiert. Die Menschen suchen nach Möglichkeiten, das gesamte Spektrum ihres Menschseins zu erkennen.

Warum ist für Sie eine wissenschaftliche Herangehensweise bei der Verbreitung der Achtsamkeitspraxis wichtig?

Es liegt mir nicht wirklich etwas daran, Achtsamkeit zu „verbreiten“, viel wichtiger ist es mir, Leidenschaft in den Menschen zu entfachen für das, was zutiefst in uns verborgen ist und für das Beste in uns allen, das jedoch für gewöhnlich verdeckt und schwer zugänglich ist.

Die Wissenschaft bietet eine besondere Möglichkeit, um die Welt zu verstehen und sie ermöglicht es manchen Menschen, sich dem anzunähern, was sie andernfalls meiden würden. Sie eignet sich daher besonders dafür, den Geist der Menschen zu öffnen. Durch die Zusammenführung der Wissenschaft und der Meditation beginnen wir in einer für die Menschen verständlichen Sprache neue Wege zu finden, mit denen wir auf den Nutzen hinweisen können, sich darin zu üben, sich mit der Funktionsweise des eigenen Geistes vertraut zu machen. Dies führt zu größerer Einsicht und Klarheit. Wissenschaftlich belegt ist ebenfalls der interessante und wichtige gesundheitliche Nutzen solcher Körper-Geist-Übungen und Praktiken. Dadurch beginnt man nun, die unterschiedlichen Wirkungsweisen der Achtsamkeit auf das Gehirn (Regulierung der Emotionen, Arbeitsgedächtnis, kognitive Kontrolle, Aufmerksamkeit, Aktivierung in bestimmten Körperregionen, kortikale Verdickung in bestimmten Hirnregionen) und auf den Körper (Symptomreduzierung, gesteigertes körperliches Wohlbefinden, Aktivierung des Immunsystems) zu erläutern.

Es wird auch deutlich, dass Meditation dem Leben eine Bedeutung und eine Bestimmung geben kann, basierend auf dem Verständnis, dass das Selbst nicht von anderen getrennt ist. Angesichts der auf unserem Planeten in diesen Tagen herrschenden Bedingungen ist es kein spiritueller Luxus, die Vernetzung miteinander zu verstehen; es ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Vor 300 oder 400 Jahren, im Grunde genommen also vor noch nicht allzu langer Zeit, meditierten Menschen unter recht isolierten Umständen, zumeist in Klöstern. Nun wird Meditation in Forschungseinrichtungen, Krankenhäusern und Kliniken praktiziert und gelehrt und sie findet sogar Eingang in Grundschulen und in weiterführenden Schulen.

Die Menschen, die sie lehren und erforschen, beschäftigen sich in vielen Fällen seit 10, 20, 30 Jahren oder sogar noch länger mit Achtsamkeit. Sie springen nicht einfach nur auf irgendeinen neuen „Achtsamkeitszug“ auf. Und ihre Arbeit führt dazu, dass sich viele Fachleute zum ersten Mal dem Thema Achtsamkeit gegenüber öffnen. Dies ist an und für sich eine wunderbare Entwicklung, so lange man versteht, dass Achtsamkeit nicht nur einfach eine schöne „Idee“ ist, sondern ein völlig anderer Weg des Seins, der es erforderlich macht, sich immer weiter darin zu üben und ihn zu kultivieren.

Welche neuen Grenzen hat die Achtsamkeit in den letzten Jahren überschritten?

Die Arbeit mit der Achtsamkeit erstreckt sich in neue Bereiche hinein, die nichts mit Medizin oder Gesundheitsfürsorge, aber auch nichts mit Psychologie oder Neurowissenschaft zu tun haben. Sie findet Eingang in Geburts- und Elternprogramme, in die Bildung, in das Geschäftsleben, in die Leichtathletik und den Profisport, in rechtswissenschaftliche Berufe, in die Strafjustiz, ja sogar in die Politik. Tim Ryan beispielsweise, ein demokratischer Kongressabgeordneter aus Ohio, wurde aufgrund seiner eigenen Erfahrungen einer kontinuierlichen Praxis zu einem wichtigen Fürsprecher für eine stärker geförderte Erforschung der Achtsamkeit und deren Implementierung sowohl in der Gesundheitsfürsorge als auch in der Bildung.

In so vielen unterschiedlichen Bereichen ist es gewissermaßen unbestritten, dass Geist und Körper eng miteinander kommunizieren und dies schon immer taten, zumindest aus biologischer Sicht. Wir müssen lernen, uns viel mehr auf diesen Dialog einzustimmen und aktiv daran teilzunehmen, wenn wir effektiv tätig sein/funktionieren und unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden optimieren wollen.

Übersteigt der Nutzen einer Synchronisation zwischen Geist und Körper das effektive Funktionieren?

Das Gewahrsein, von dem wir bei dem Begriff „Achtsamkeit“ sprechen, betrifft auch die Motivation für unsere Handlungen, beispielsweise die Art und Weise, mit der wir durch Selbstüberschätzung oder Gier angetrieben werden. Bei der Finanzkrise 2008/2009 konnten wir die immensen Auswirkungen der Gier bei Banken und Versicherungsgesellschaften beobachten. Diese Krankheit lässt sich nicht nur durch Notverkäufe, Wirtschaftsförderung und ein auf magische Weise gesteigertes Vertrauen in die Wirtschaft heilen.

Wir müssen eine andere Art von Vertrauen und eine neue Wirtschaftsform schaffen, bei der es nicht um gedankenloses Geldausgeben geht, sondern mehr darum, Ressourcen für das größere Wohl, für das eigene Sein, für die Gesellschaft und für den Planeten zu entdecken. Achtsamkeit kann hierbei als Türöffner fungieren, indem sie uns hilft, uns jenseits von ausschließlich konzeptionellen Gedanken zu bewegen, durch die wir von einer unbegrenzten und rechtlich sanktionierten Gier angetrieben werden.

Es scheint, dass die Vorstellung, wir könnten uns mit unseren Gedanken einen Ausweg aus unseren großen Problemen ermöglichen, sich kürzlich als trügerisch erwiesen hat.

Das ist ein wesentlicher Punkt. Selbst ganz, ganz kluge Leute – und es gibt viele um uns herum – beginnen zu erkennen, dass das Denken nur eine von vielen Formen von Intelligenz ist. Wenn wir nicht die multiplen Dimensionen der Intelligenz erkennen, hemmen wir unsere Fähigkeit, kreative Lösungen für Probleme zu finden, die keine einfach strukturierten Lösungen zulassen. Es ist so, als arbeitete man in der Medizin mit einer linearen Sichtweise, die unter Gesundheitsfürsorge nur das Verarzten von Menschen versteht – das Modell eines Körpers aus Sicht eines Automechanikers, der nichts von Heilung und Transformation versteht, der nicht versteht, was geschieht, wenn man Geist und Körper harmonisiert. Das fehlende Element dieses mechanischen Verständnisses ist das Gewahrsein.

Aufrichtiges Gewahrsein kann unser Denken regulieren, sodass wir weniger von ungeprüften Motivationen angetrieben werden, die uns dazu veranlassen, uns hervorzutun, Dinge zu kontrollieren, um unsere Angst zu lindern oder um immer eine brillante Antwort parat zu haben. Wir können enormen Schaden anrichten, wenn wir beispielsweise anderen Menschen mit einer vielleicht anderen Sichtweise oder anderen Erkenntnissen nicht zuhören. Glücklicherweise bietet uns die heutige Zeit viele Gelegenheiten, das Denken und das Gewahrsein zu kultivieren und miteinander in ein Gleichgewicht zu bringen. Jeder kann genau in diesem Augenblick ein gewisses Maß an Gleichgewicht zwischen Denken und Gewahrsein herstellen, in dem einzigen Augenblick, den es gibt, den wir alle sowieso jemals haben. Zweckgerichtet zu lernen, wie man Gewahrsein verinnerlicht und die Gedanken in ein größeres Gleichgewicht bringt, ermöglicht es uns, im höchsten Maße positiv und gesund für uns selbst und für die Welt in ihrer Gesamtheit zu sein.

Wenn wir andererseits weiterhin über unseren Planeten herrschen, wie dies unsere Rasse während der letzten sechs- oder siebentausend Jahren getan hat, dann könnte das sehr ungesunde Folgen haben. Ungeachtet der von der Zivilisation hervorgebrachten Schönheit könnten wir uns in Richtung einer kolossalen Umwälzung bewegen, die im Prinzip aus einem menschlichen Geist entsteht, der mit sich selbst keinen Frieden schließt – Krieg, Völkermord, Hungersnot, massiv unzureichende Reaktionen auf natürliche Katastrophen. Diese Umwälzungen könnten all das zerstören, was wir am meisten schätzen.

Zuvor sprachen Sie davon dass Achtsamkeit weit mehr sei als einfach die fokussierte Aufmerksamkeit. Nennen Sie uns einige der von Ihnen angesprochenen, entscheidenden Schlüsselelemente, mit denen man Zugang zu den tief greifenden Auswirkungen der Achtsamkeit erlangt.

Letztendlich ist der Weg ungewiss. Alles, was wir tun können, ist mit größter Aufmerksamkeit dem Ruf unseres eigenen Herzens und der Welt zu lauschen und unser Bestmögliches zu tun. Einer der Wege, mit dem ich versucht habe, das Heilungs- und Transformationspotential des Dharma in das moderne tägliche Leben des Westens zu bringen war, ein amerikanisches Vokabular zu entwickeln, ein westliches Vokabular, um über Dinge zu sprechen, für die wir außer in den Religionen bisher nicht wirklich die richtigen Worte hatten. Ich betone die Universalität der Kraft der Achtsamkeit und des Gewahrseins, aber ich spreche nicht von einer universellen Kirche oder einer universellen religiösen Bewegung. Ich spreche davon, das Wesen dessen zu verstehen, was es heißt ein Mensch zu sein. Es missfällt mir auch, das Wort „spirituell“ zu verwenden.

Können wir einfach einmal darüber sprechen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein – aus evolutionärer, aus historischer Sicht? Worüber können wir in dem kurzen Augenblick verfügen, in dem das Universum sich selbst in die Form eines empfindsamen menschlichen Körpers und Seins erhebt und wir 70, 80 oder 90 Jahre leben (wenn überhaupt), um uns dann wieder in dem undifferenzierten Ozean des Potentials aufzulösen? Einen Großteil unserer Zeit sind wir so ichbezogen, so geistesabwesend, dass wir keine fundamentalen Nachforschungen über die Aussage von Aristoteles anstellen, dass „Das unerforschte Leben (...) nicht lebenswert“ ist.

Neben der Entwicklung eines universellen, nicht-religiösen Vokabulars habe ich versucht, die entscheidende Bedeutung des non-dualen Aspektes der Meditation hervorzuheben. Ich betone, dass es nicht darum geht, irgendwo anders hin zu gelangen. Dies ruft natürlich sofort eine Menge Verwirrung bei den Menschen hervor, denn bei fast allem, was wir tun, geht es scheinbar darum, uns irgendwo anders hin zu begeben. Warum um Himmels willen sollte man nicht irgendwo anders sein wollen? Wenn man sehr starke Schmerzen hat, irgendeine Krankheit oder was auch immer, möchte man immer dorthin zurück, wo man vorher war oder an einen besseren Ort in der Zukunft. Es hört sich fast unamerikanisch an, sich einfach mit dem zu arrangieren was ist, doch das ist ein Missverständnis des Potentials, im gegenwärtigen Augenblick zu leben. Es geht hier nicht darum, sich damit zu arrangieren. Es geht darum zu erkennen, dass es auf eine gewisse Weise niemals besser werden kann als es ist.

Wie meinen Sie das?

Ganz einfach, die Zukunft ist nicht präsent, auch wenn wir so viele Illusionen wie möglich davon erschaffen können. Die Vergangenheit ist bereits vorüber. Wir müssen mit den Dingen umgehen so wie sie sich im Augenblick darstellen. Somit ist es also am effektivsten, sich keine Illusionen über das Wesen der eigenen Erfahrungen zu machen, um dann dem Wunschdenken oder dem Ehrgeiz zu verfallen und dadurch mehr Schaden anzurichten als Gutes zu erschaffen. Wenn wir uns selbst über das wahre Wesen unserer Erfahrungen belügen, schaden wir nicht nur anderen Menschen. Wir schaden auch uns selbst, denn wir nehmen gewisse Elemente dessen, was wir sind, nicht an, gewisse Elemente unserer grundsätzlichen Verbindung mit anderen und mit unserer Umwelt. Das ist sehr traurig und sehr unbefriedigend.

Heilung und Transformation sind in dem Augenblick möglich, in dem wir die Dinge als gegeben annehmen, so wie sie sind – gut, schlecht oder hässlich – und wir dann entsprechend diesem Verständnis fantasievoll, freundlich und voller Absicht handeln. Dies ist auf keinen Fall einfach oder schmerzlos, doch es ist eine Verkörperung sowohl von Weisheit als auch von Frieden und ein Weg in diese Richtung. In dieser Hinsicht versuchen wir, mithilfe einer neu erschaffenen Sprache die Achtsamkeit als eine Praxis darzustellen, als eine Art zu sein und auch stets als eine ausgereifte Praxis, die von so viel gesundem Menschenverstand geprägt ist, dass die Leute sagen: „Natürlich, das macht Sinn. Es macht Sinn, im gegenwärtigen Augenblick zu sein, ein bisschen weniger beurteilend oder mir zumindest bewusst zu sein, wie beurteilend ich bin. Warum ist mir das nicht schon früher aufgefallen? Es ist so offensichtlich.“

Wer kann diese Botschaft auf verlässliche Weise zu immer mehr Menschen bringen?

Das ist eine enorme Herausforderung im Hinblick darauf, wie sehr wir durch unsere eigene Konditionierung gefangen und blind sind. Es wäre wunderbar, wenn der Dalai Lama dies alles selbst tun könnte, doch er allein und die anderen großen Lehrer sind nicht genug, um sie zu verbreiten. Und nicht jeder versteht die Sprache der traditionellen Meditationsweisen. Somit benötigen wir womöglich viele sehr hingebungsvolle und begabte Meditationslehrer, die selbst so sehr mit ihrer eigenen Praxis verbunden sind, dass sie das Bedürfnis stillen können, das dort draußen wartet.

Es gibt so viel Leid in der Welt. Wer sind wir, dass wir nicht in irgendeiner Weise darauf reagieren? Aus diesem Grund richten sich viele unserer Anstrengungen in der MBSR auf professionelles Training, darauf, eine ganz neue Generation von Menschen zu entwickeln, die zutiefst in diesem Ausdruck des universellen Dharma verwurzelt sind und sich verpflichtet fühlen, es auf unterschiedliche Weise als ein vielseitiges Mittel für Heilung und Transformation in die Welt zu bringen in einer Zeit, in der die Welt nach Freundlichkeit und Weisheit schreit.

Was ist neben einem guten Herzen noch notwendig, um Achtsamkeit zu lehren?

Wenn wir Achtsamkeit in der einen oder anderen Situation lehren, dann muss sie zuerst wirklich in unserer eigenen ganz persönlichen Erfahrung verankert sein. Sie muss verankert sein in der Demut und im Nicht-Wissen, in einer Offenheit allen Möglichkeiten gegenüber, aber auch in einem tiefen Einblick in sich selbst und in andere. Da wir alle Zugang dazu haben, ist es nicht wirklich etwas Außergewöhnliches oder eine spezielle persönlicher Errungenschaft.

Natürlich werden manche Menschen der Achtsamkeit oder anderen Praktiken ihren eigenen Stempel aufdrücken. Manche Menschen werden daraus eine riesige Kampagne machen, ohne wirklich deren Tiefe zu verstehen oder aber sie verstehen Achtsamkeit nur zum Teil. Es lässt sich nicht vermeiden, dass manche Menschen sich in unangemessener Weise diesen Lehren und Praktiken nähern und sie ausnutzen. Dies ist der Preis, den man für den Erfolg zu zahlen hat, wenn man Achtsamkeit in die allgemeine Kultur hineinbringt.

Wir, die wir diese Arbeit leisten, haben eine große Verantwortung jüngeren Menschen und jenen Menschen gegenüber, die erstmals damit in Berührung kommen. Wir sind dafür verantwortlich, sie zu fördern und zu beraten. Wir können sie daran erinnern oder ihnen klarmachen, dass es sich hierbei nicht einfach nur um eine Modeerscheinung oder lediglich um einen momentanen klugen Schritt auf der Karriereleiter handelt, wenn man ein Lehrer oder Vertreter der Achtsamkeit werden möchte. Die Achtsamkeit hat sowohl einen tiefgreifenden als auch einzigartigen Nutzen. Sie ruft uns auf, einen tiefen Blick in das Wesen der Erfahrung selbst und in das Wesen unseres eigenen Geistes und Herzens zu tun. Dies ist eine Art wissenschaftliche Recherche, denn der Geist ist aus wissenschaftlicher Sicht wahrhaftig ein riesiges Mysterium.

All diese Arbeit hängt davon ab, in welchem Maße man wertschätzt, dass das Gewahrsein Gedanken ins Gleichgewicht bringen kann. Am Denken an sich ist nichts falsch. So viel Schönes entsteht aus dem Denken und aus unseren Emotionen. Doch wenn unser Denken sich nicht in einem Gleichgewicht mit dem Gewahrsein befindet, sind wir letztendlich enttäuscht, ständig gedankenverloren und außerhalb unseres Geistes – genau dann, wenn wir ihn am meisten benötigen.

Dieser Interview stammt von Barry Boyce und wurde erstmals in der März-Ausgabe (2010) der Shambhala Sun unter dem Titel „Toward a Mindful Society“ veröffentlicht.

Wir danken der Shambhala Sun für die Abdruckgenehmigung dieses Artikels.

Alle Rechte vorbehalten
Alle Rechte vorbehalten. Shambhala Sun Magazin