Elisha Goldstein & Bob Stahl

Achtsamkeit und Stress im Alltag

Der Raum zwischen Stimulus, Reiz und Reaktion
Achtsamkeit und Stress im Alltag

Wie oft stressen uns kleinere tägliche Erfahrungen und beeinflussen unsere Gedanken und Emotionen? Und wie wirkt sich das auf unseren Körper aus? Achtsamkeit hilft uns, uns darüber bewusst zu werden und lässt uns die Wahl, wie wir reagieren.
 Eine kurze Untersuchung über „Achtsamkeit und Stress” und einige Vorschläge, die uns helfen können, unseren Alltag bewusst zu gestalten…

 

„Was passiert, wenn wir unser Leben unbewusst, automatisch und unter Stress führen?”

Sie fühlen sich vielleicht sehr gestresst, wenn Sie in einer Schlange in der Bank oder der Post warten, wenn Sie im dichten Verkehr sind oder eine unbekannte Strecke fahren, wenn sie eine Frist einhalten müssen oder wenn Sie ein unangenehmes Gespräch haben.

Sie können sogar Stressreaktionen erleben als Ergebnis davon, dass Ihnen solche Ereignisse bevorstehen oder wenn Sie sich an sie erinnern. Obwohl diese Anlässe ziemlich gering zu sein scheinen, können sie alle Arten von Symptomen verursachen, wie Muskelspannung, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, gastrointestinale Beschwerden und Hautprobleme.

Langzeitstress kann auch ein Faktor bei ernsten Erkrankungen wie Krebs, Herzerkrankungen und Demenz sein, besonders wenn man auf ungesunde Strategien zurückgreift, mit Stress umzugehen, wie Rauchen, Sucht, unkontrolliertem Essen oder Überarbeiten.

 

Wir selbst haben die Wahl

Eine der Gaben, die Achtsamkeit bietet, ist, dass sie einem hilft, zu erkennen, dass man eine Wahl hat, wie man auf eine Stress verursachende Situation reagiert. Viktor Frankl, Psychiater und Überlebender des Holocaust, beschreibt dies treffend: „Zwischen Stimulus, Reiz, und Reaktion gibt es einen Raum. In diesem Raum ist unsere Macht, unsere Reaktion zu wählen. In unserer Reaktion liegt unser Wachstum und unsere Freiheit“. Sogar während seiner Gefangenschaft fand er Möglichkeiten, den Menschen in seiner Umgebung Trost zu spenden und zu heilen. Das unterstreicht beispielhaft, dass mit Achtsamkeit jeder die Freiheit der Wahl besitzt, wie er reagiert.

Natürlich ist die Konditionierung eine mächtige Kraft, die es schwer machen kann, sich zu verändern. So wie Wasser den Weg des geringsten Widerstandes findet, tendiert man dazu, in Gewohnheiten zurückzufallen, weil dies in vieler Hinsicht der leichteste Kurs ist, dem man folgen kann. Dazu gehören gewohnte Weisen zu sehen und zu reagieren.

Als Hilfe beim Motivieren zu der herausfordernden Arbeit, Ihren Autopiloten abzustellen und gewohnten Reaktions- und Verhaltensweisen zu widerstehen, haben wir ein paar Vorschläge für Sie vorbereitet, wie Sie auf informelle Weise Achtsamkeit mit in Ihren Tag nehmen können.

 

Das Potenzial für Übung in jeder Situation

Indem Sie sich dafür entscheiden, während des Tages achtsam zu sein, können Sie größeren Fokus und Wertschätzung zu jeder Situation bringen, in der Sie sich befinden. Sie fühlen sich auch ruhiger und in Frieden. Wenn Sie weiter in Achtsamkeit wachsen, werden Sie das Potential für informelle Übung in jeder Situation sehen.

  • Wenn Sie morgens Ihre Augen aufschlagen, nehmen Sie sich ein paar Momente Zeit, statt aus dem Bett zu springen, und spüren Sie achtsam in Ihren Körper hinein. Wenn Sie den Tag mit mehr Bewusstheit für den gegenwärtigen Moment beginnen, schaffen Sie die Bedingungen für ein größeres Gefühl von Ruhe und Gleichmut während der schwierigen Momente im Laufe dieses Tages.
  • Wenn Sie duschen, achten Sie darauf, ob Ihr Geist schon für den kommenden Tag denkt, plant und probt. Wenn Ihnen das bewusst wird, bringen Sie Ihren Geist sanft in die Gegenwart zurück und wie Sie in der Dusche sind: Nehmen Sie den Geruch der Seife, die Empfindung des Wassers auf Ihrem Körper wahr und die Geräusche in der Dusche.
  • Wenn Sie mit anderen zusammenleben, nehmen Sie sich ein paar Momente dafür, ihnen achtsam zuzuhören und mit ihnen Kontakt aufzunehmen, bevor Sie in den Tag gehen.
  • Wenn Sie sich Ihrem Auto nähern, gehen Sie langsamer, spüren Sie in Ihren Körper hinein und achten Sie auf Spannung irgendwelcher Art. Versuchen Sie, sie weicher werden zu lassen, bevor Sie losfahren.
  • Wenn Sie fahren, suchen Sie nach Gelegenheiten, ein wenig langsamer zu fahren. Nutzen Sie rote Ampeln zur Erinnerung daran, Ihre Atmung wahrzunehmen.
  • Wir tendieren mit Sicherheit dazu, automatisch zu gehen. Gehen Sie anders als gewohnt, wenn Sie in Ihr Büro gehen oder Besorgungen machen. Sie könnten zum Beispiel langsamer gehen oder drei Schritte lang einatmen, dann drei Schritte lang ausatmen. Achten Sie auf Ihre Empfindungen beim Gehen – in Ihren Füßen und in Ihrem ganzen Körper.
  • Wenn Sie bei Ihrer Arbeit eine Reihe von Aufgaben zu erledigen haben, reservieren Sie jeweils Zeit für eine Gruppe ähnlicher Aufgaben. Legen Sie zum Beispiel eine Zeit nur für Planen fest und gehen Sie während dieser Zeit keinen anderen Aufgaben nach. Wenn Sie können, lesen Sie keine E-Mails, wenn Sie sich auf andere Aufgaben konzentrieren.
  • Wenn möglich, nehmen Sie einmal pro Woche eine Mahlzeit allein und in Stille ein. Essen Sie dabei langsamer als gewöhnlich und wenden Sie sich wirklich dem Geschmack und der Konsistenz der Speisen zu.
  • Spüren Sie während des Tages von Zeit zu Zeit achtsam in sich hinein. Sie können solche Momente in Ihren Kalender eintragen oder sie mit bestimmten Aktivitäten verbinden. So können Sie zum Beispiel immer dann innehalten, bevor Sie nach E-Mails schauen oder bevor Sie sich in den Berufsverkehr begeben.
  • Da es kontraproduktiv ist, nach Hause zu eilen, um sich zu entspannen, versuchen Sie, achtsam und ein wenig langsamer nach Hause zu fahren. Spüren Sie Ihre Hände auf dem Lenkrad und nehmen Sie achtsam jeden Moment auf. Sie könnten auf das Radio verzichten und darüber reflektieren, was Sie an diesem Tag gemacht haben. Was war positiv und was würden Sie gerne besser machen? Eine andere Möglichkeit ist, absichtlich zu planen, was Sie gerne tun würden, wenn Sie nach Hause kommen. Sie können sich zum Beispiel achtsames Zuhören vornehmen.
  • Wenn Sie nach Hause kommen, spüren Sie in sich hinein, bevor Sie durch die Tür gehen, und achten Sie dabei darauf, ob Ihr Körper angespannt ist. Wenn das so ist, versuchen Sie, diese Muskeln weich werden zu lassen, indem Sie bewusst in sie hineinatmen und Spannung einfach da sein lassen.

Wenn Sie anfangen, informelle Übungen in Ihren Alltag zu integrieren, nehmen Sie sich etwas Zeit, um über Ihre Erfahrungen zu reflektieren. Was haben Sie gemacht? Was haben Sie vor und nach der Übung an und in sich bemerkt? Wie haben Sie anderen gegenüber gehandelt oder auf sie reagiert? Was lernen Sie aus informeller Übung? Wenn Sie möchten, können Sie darüber in Ihr Protokoll oder Tagebuch schreiben.

 

Einfach machen!

Nehmen Sie sich gleich jetzt einen Moment Zeit, um die Beziehung zwischen dem, was Sie denken und wie Sie sich körperlich und emotional fühlen, zu bemerken. Verwenden Sie ein paar Momente darauf, Ihre Gedanken, Emotionen und körperlichen Empfindungen zu beobachten und zu betrachten, wie sie sich vielleicht zueinander verhalten.

Dann nehmen Sie diese Übung mit sich in Ihren Alltag. Achten Sie zum Beispiel auf Ihre anfänglichen Reaktionen, wenn Sie in einer Warteschlange sind oder im Verkehr stecken und wie Sie Gelegenheit bekommen, anders zu reagieren, wenn Sie Achtsamkeit in die Situation bringen.

 

Dieser Artikel stammt aus dem Buch Stressbewältigung durch Achtsamkeit von Bob Stahl und Elisha Goldstein. 

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