Jon Kabat-Zinn

Stressbewältigung durch Achtsamkeit

Alles zum Achtwochen-Intensivkurs an der „Stress Reduction Clinic“
Stressbewältigung durch Achtsamkeit

Stellen Sie sich folgende Situation vor: 25 bis 30 Leute sitzen in einem recht komfortablen Krankenhauszimmer auf Stühlen mit aufrechter Lehne, die in einer Reihe entlang den Wänden aufgestellt sind. Ihre Augen sind geschlossen. Im Raum herrscht Stille. Es sieht so aus, als täten sie nichts, und in einem gewissen Sinne tun sie tatsächlich nichts – außer, dass sie sich in dieser völligen Stille auf die Empfindungen konzentrieren, die mit dem Ein- und Ausströmen ihres Atems in ihrem Körper entstehen.

Diese Übung, auch Sitzmeditation genannt, ist Teil der Achtsamkeitsmeditation, ein Ansatz, der besonders jenen Menschen einen beachtenswerten Weg zur Selbsthilfe bietet, die unter Stress, Schmerzen und chronischen Krankheiten leiden. Die Patienten, die im Raum versammelt sind, leiden unter einem breiten Spektrum von Krankheiten: so zum Beispiel unter Herzleiden, Krebs, Diabetes, chronischen Schmerzen, hohem Blutdruck oder anderen stressbedingten Erkrankungen. Sie alle nehmen an einem achtwöchigen Intensivkurs in Achtsamkeitstraining an der Stress Reduction Clinic der medizinischen Fakultät der Universität von Massachusetts teil.

 

So erfüllt wie möglich leben

Wie andere Geistes- und Körpertherapien, so kann auch die Achtsamkeitsmeditation tiefe Zustände der Entspannung herbeiführen, die die Patienten darin unterstützen, ein erfüllteres und zufriedenstellenderes Leben zu führen und in manchen Fällen werden die körperlichen Symptome direkt verbessert.

Doch anstatt, wie in den bekannteren Formen von Meditation, ablenkende Gedanken zu minimalisieren, indem man sich auf bestimmte Klänge, Ausdrücke oder Gebete konzentriert, folgt man bei der Achtsamkeitsmeditation einem anderen Weg. In dieser Meditation schließt man ablenkende Gedanken, Empfindungen oder physische Beschwerden nicht aus, sondern im Gegenteil, man bringt sie ins Zentrum des Gewahrseins. Diese Form von Meditationspraxis, die über 2500 Jahre alt ist, stammt hauptsächlich aus der buddhistischen Tradition und wurde als eine Methode entwickelt, die zu größerer Achtsamkeit und Weisheit führt und die es den Menschen ermöglicht, jeden Augenblick ihres Lebens - auch die schmerzvollen - so erfüllt wie möglich zu leben. Wir erkannten in unserer Klinik, dass die Übung der Achtsamkeit Menschen mit einem breiten Spektrum von schweren physischen Krankheiten zugute kommt.

 

Der Wunsch den Stress besser bewältigen zu können

Seit Bestehen der Stress Reduction Clinic nahmen zehntausende klinischer Patienten an unserem Programm teil. Fast alle waren von ihren Ärzten hierher verwiesen worden; Ärzte, die zu Anfang wohl selbst dem Wert von Meditation skeptisch gegenüber standen, die aber mit der Zeit die positiven Auswirkungen auf das Befinden ihrer Patienten erkannten.

Die Menschen, mit denen wir bei uns arbeiten, kommen mit einer außergewöhnlichen Bandbreite von medizinischen Diagnosen, aus unterschiedlichsten Lebenszusammenhängen und mit den verschiedensten Problemen. Doch alle teilen den Wunsch, ihren Stress besser bewältigen zu können und ihre inneren Ressourcen zu mobilisieren, um ihre Lebensqualität zu verbessern. Eine typische Klasse setzte sich zum Beispiel aus folgenden Personen zusammen: eine fünfundzwanzigjährige Mutter, die ein sie und ihr zwei Jahre altes Kind betreffendes positives Aids-Testergebnis tief erschüttert hatte; eine 72 Jahre alte Frau mit schweren Herzrhythmusstörungen, deren Ärzte keine Mittel mehr fanden, um ihren Herzrhythmus bei normaler Frequenz zu halten; ein 70 Jahre alter Herzinfarkt-Patient, bei dem zusätzlich Darmkrebs diagnostiziert worden war; zwei Menschen mit Diabetes, die lernen wollten, mit ihren Ängsten besser umzugehen; mehrere Menschen, die unter schweren sich wiederholenden Panikanfällen litten; sowie eine Anzahl von Menschen, die aufgrund ihrer persönlichen Umstände extremen Stresssituationen und Ängsten ausgesetzt waren, die sich auf ihre Gesundheit auswirkten.

Anders als bei gewöhnlichen medizinischen und psychologischen Ansätzen werden in unserer Klinik die Patienten nicht kategorisiert und entsprechend ihrer Erkrankung unterschiedlich behandelt. Wir bieten allen das selbe achtwöchige Trainingsprogramm in Achtsamkeit und Stressreduzierung an. Dabei betonen wir nicht, was an den Menschen „falsch“ ist, sondern vielmehr, was „richtig“ ist: Ihre Fähigkeiten sich weiterzuentwickeln, ihre inneren Ressourcen zu mobilisieren und ihre Verhaltensmuster auf neue, kreative Weise zu verändern.

 

Weitaus mehr als „Nichtstun“

Die Stress Reduction Clinic wird als eine Begleitmaßnahme zur medizinischen Therapie gesehen und nicht etwa als eine Alternative. Das Übungsprogramm verheißt nicht eine Art magische Heilung, wenn andere Behandlungsmethoden versagt haben. Vielmehr handelt es sich um eine sensible und direkte Methode, anhand derer die Zusammenhänge zwischen Geist und Körper direkt selbst erfahren und verstanden werden können, und dieses Verständnis kann den Menschen dabei helfen, besser mit ihrer Krankheit und ihrem Leben umzugehen.

Bisher ist wissenschaftlich nicht gesichert, ob die Praxis der Achtsamkeit bestimmte Krankheiten verlangsamen oder sogar direkt zu ihrer Heilung beitragen kann. Diesbezügliche Fragen werden zur Zeit in verschiedenen Studien untersucht. Wir finden jedoch bei den Menschen, die wir betreuen, deutliche Hinweise darauf, dass Achtsamkeit ihnen hilft, ihre Lebenssituation, einschließlich der Krankheit derentwegen sie in unsere Klinik kommen, besser bewältigen zu können, und das ist unser vordergründiges Ziel.

Unsere Patienten setzen sich aus allen Altersgruppen und Berufsklassen zusammen und gehören der durchschnittlichen, arbeitenden Mittelschicht an. Sie besitzen weder ein spezielles Wissen über Meditation noch ein Interesse daran; in der Tat kommen die meisten auf Anweisung ihres Arztes. Wir präsentieren das Übungsprogramm von Anfang an als eine Herausforderung an die Teilnehmenden: Was können sie - in Ergänzung der Arbeit ihrer Ärzte und sonstiger Fachkräfte - selber tun, um sich zu helfen?

Dabei weisen wir sie sanft darauf hin, dass der Kurs in Stressreduktion zumindest am Anfang selbst als stressig empfunden werden kann, da er eine aktive Mitarbeit und Disziplin erfordert. Zum Beispiel gehört die eigenständige Durchführung einer 45-minütigen Meditation an mindestens sechs Tagen pro Woche dazu. Für die meisten bedeutet allein dies eine erhebliche Veränderung ihres Lebensstils. Aber nicht nur das. Eben weil es so aussieht, als täten wir – zumindest aus herkömmlicher Sicht – gar nichts, wenn wir meditieren, erfordert es eine gewisse innere Standhaftigkeit und Disziplin, um die Zweifel über das „Nichtstun“ überwinden zu können.

 

Das Eingeständnis der Wirklichkeit ist der erste Schritt

Für einige Menschen werden die Schwierigkeiten der Meditationspraxis durch tiefe Zustände der Entspannung und die damit einhergehenden angenehmen Gefühle erleichtert, die die Meditation häufig hervorbringt. Doch Achtsamkeitsmeditation ist weit mehr als nur Entspannung und Druckfreiheit. Vielmehr zielt sie darauf ab, eine größere innere Festigkeit zu entwickeln, die es uns erlaubt, jeder Lebenserfahrung mit mehr Gleichmut, Klarheit, Verständnis und Weisheit zu begegnen, um angemessen und wirkungsvoll aus dieser Klarheit und diesem Verständnis heraus handeln zu können.

Dies bedingt, dass sowohl unsere Spannungen, der Stress und die körperlichen Schmerzen, als auch unsere Geisteszustände wie Angst, Wut, Frustration, Enttäuschung, Unsicherheit und Wertlosigkeit ein Teil unserer Achtsamkeit sein müssen. Wenn diese Zustände in Erscheinung treten, müssen wir ihnen begegnen, sie akzeptieren und sogar willkommen heißen. Warum? Weil das Eingeständnis der Wirklichkeit, so wie sie eben in diesem Augenblick ist, ob angenehm oder unangenehm, der erste Schritt hin zu einer Veränderung dieser Realität und unserem Verhältnis dazu ist. Wenn wir den Dingen nicht auf diese Weise begegnen, fahren wir uns wahrscheinlich fest und haben Schwierigkeiten uns zu verändern oder zu wachsen.

Zu Beginn sagen wir den voraussichtlichen Teilnehmern, dass sie die Meditationspraxis nicht mögen müssen, sie müssen sie nur während der acht Wochen, die der Kurs läuft, tun. Wir legen ihnen nahe, dass sie dem Programm ohne einen Plan oder irgendwelche Erwartungen, dass etwas Besonderes passieren müßte, folgen; nicht einmal Entspannung oder Stressreduzierung sollen sie erwarten! Dadurch wollen wir erreichen, dass sie dem Programm mit einem so frischen und offenen Geist wie möglich folgen und bereit sind zu schauen, was passiert.